Schlussendlich die Flucht

Zeichnung von mir

Für eine Woche stehen Christianes Extraetüden an.
5 von 6 vorgegebenen Worten sind in einem Text von max. 500 Worten zu verwenden.
Die Wortspenden sind:

Zetermordio, weichmütig, backen
Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe), erschüttern

*


Günters Grossmutter hatte ihn einst in die Oper mitgenommen, wo er die Zauberflöte sah, ein Stück über die Gleichheit aller Menschen. Das beeindruckte ihn nachhaltig und so wünschte er sich, die Flöte zu erlernen.
Zielstrebig wie er war, begann er 1934 das Studim der Flöte beim Karlsruher Professor Spittel, einer weithin geachteten Koryphäe.
Schnell machte der weichmütige und besonnene Günter Goldschmitt Fortschritte. Er wurde zum Aushängeschild der Akademie.
Irgendwann 1935 wurde er zu Prof. Spittel gerufen. Der erklärte dem jungen Mann, daß er seine Ausbildung nicht mehr abschliessen dürfe.
Vollkommen erschüttert beschloss Günter sofort auszureissen. Nach Schweden, war sein erster Gedanke.
Doch dieser Plan wurde vereitelt, lernte er doch tags drauf bei einem Engagement im “Jüdischen Kulturbund” seine zukünftige Frau kennen.
Dieser Bund führte ihn mit seiner Partnerin sogar nach Berlin.
An einem Novembermorgen 38 hörte er seinen Vermieter Zetermordio schreien. “Raus, raus, raus. Koffer packen und verschwinden! Überall brennt’s!”. Ganz verstand er nicht, packte dennoch seine Siebensachen und eilte über eine Hintergasse zum Zug nach Düsseldorf, wo seine Partnerin gerade weilte.
Dort blieb er eine Weile, bis der Sturm abgeflacht war.
Er war weiter Mitglied des Bundes. Man spielte eifrig. Der junge Leiter dort vermittelte den Eindruck: “Wir können uns unsere Zukunft nicht “backen“, nicht bestimmen, widmen wir uns mit aller Kraft und Hingabe der Musik!”

Gute zwei Jahre später spielte man in der US-Botschaft. Im dortigen Park wurden mit Lautsprechern Gäste vorgestellt, zum Schluß das Ensemble.
Günters Frau schaffte hier die Kontakte und verschaffte sich Visa. Günter musste als letzte Demütigung noch einen Spiesrutenlauf hinnehmen, um die nötigen Stempel in die Pässe zu bekommen. Diese Schikane konnte er nie vergessen.

Über Frankreich, Spanien und Portugal erreichte man ein Schiff nach New York. Der Kulturbund war unterdies schon aufgelöst und alle Mitglieder deportiert.
Damit endete der 1. Teil der Lebensreise, wie sie im aktuellen Film “Winterreise” geschildert wurde.

Das orangene Zimmer

Für eine Woche stehen Christianes Extraetüden an.
5 von 6 vorgegebenen Worten sind in einem Text von max. 500 Worten zu verwenden.
Die Wortspenden sind:

Zetermordio, weichmütig, backen
Lautsprecher, orange (NICHT die Frucht, die Farbe), erschüttern

*

Er hatte das Motto von DO EASY (The Discipline of DE) vergessen. Alle Vorgänge im Haus sollten eingeübt werden, sodaß man nicht stolpert oder etwas umstösst. Zu keiner Zeit. Nie! Niemals!

Zetermordio schrie er, als er einen der unhandlichen Lautsprecher nicht richtig auf seinem neuen Platz abstellte. War der jetzt zu erschüttert, um noch richtig zu funktionieren?!
Immerhin hatte er die orangenen Boxen, die wie riesige Boule-Kugeln aussahen, erst vor kurzem gekauft, sie waren so ungemein schick, ja geradezu verblüffend im Design und in einem deutlichen Kontrast zu den schwarzen und betont rechtwinkligen Bestandteilen seiner Wohnung.
Schwarz und orange im Wechsel, das wäre der Blickfang.
Sein Gedanke war ja gewesen, streng Formales mit weichen Formen zu umfüttern. Das wäre auffallend neu und für manchen Besucher sicher an – und aufregend.

Er war weichmütig, vergab sich das Faux-pas alsbald. Die Kugeln standen da auch wirklich nicht gut, aus einem bestimmten Blickwinkel ergab sich eine Disharmonie. Auch war das Orange an dieser Stelle zu grell.

Morgen würde er neu darüber nachdenken. Der Möglichkeiten gab es noch viele. Vielleicht sollte er riesige Obstschalen kaufen und darin die orangenen Kugeln präsentieren, daneben als Gag echte Orangen, die sich jeder greifen konnte, wenn er Lust dazu haben sollte.
Toll würde die Lösung auf jeden Fall. Schick und pfiffig. Das Zimmer ein Hingucker hoch drei.

Ein Frühlingsbote, wow!

Ungeheures Glück am 31.01.2021: Sah ich bisher nur maximal winzige Wintermücken in der Wohnung, so begegnete mir heute erstmals ein kapitales Insekt, was die Schönheit betrifft – der Wespenbock.

Ein Käfer, der sich als Wespe tarnt.
Was willst Du denn eigentlich von mir, scheint er zu fragen.
Offenbar nichts, also tanke ich ein wenig Sonne
Und fliegen kann er auch, wenn ich ihm zu nahe komme.

Das erste Mal überhaupt sah ich das Tierchen bei Puzzleblume.

Der Wespenbock wird auch als Echter oder auch Gemeiner Widderbock (Clytus arietis) bezeichnet.

Winterreise /Winterjourney

English always below after german sections

Die Winterreise , ein dänisch-deutscher Film, der im 47. Filmwochenende Würzburg gezeigt wird, hat ein Interview eines Sohnes mit seinem alten Vater zum Thema.

Für 6 Euro schauten wir ihn zuhause am Rechner an, es war ein Gefühl wie im Kino.

Der Vater, gespielt von Bruno Ganz, erzählt dem Sohn von seiner Zeit als junger Flötist in Nazideutschland, speziell von 1935 bis 1941.
1941 gelang ihm die Flucht aus Deutschland in die USA, wo der begabte Musiker einen armseligen Job annahm, den er 35 Jahre lang ausübte.
Der Sohn fragte sich, wieso der Vater in den USA nicht seine glanzvolle Karriere wieder aufnahm. Ganz zum Schluss des Films bekommt man eine Antwort darauf.

Die Winterreise, a Danish-German film that will be shown virtually in the 47th Würzburg film weekend, is based on an interview between a son and his old father.
The father, played by Bruno Ganz, tells the son about his time as a young flautist in Nazi Germany, especially from 1935 to 1941.
In 1941 he managed to escape from Germany to the USA, where the talented musician took a poor job that he did for 35 years.
The son wondered why his father was not resuming his glamorous career in the USA. You get an answer at the very end of the film.

Längere Betrachtung: Günter Goldschmitt studierte in Karlsruhe um 1934 Flöte und obwohl sehr talentiert, durfte er 1935 seine Ausbildung nicht fortführen, weil er Jude war.
Entrüstet wollte er unmittelbar nach Schweden auswandern, aber gleich am nächsten Tag traf er seine zukünftige Frau, bei einem Aushilfsjob als Flötist beim Orchester des “Jüdischen Kulturbunds”.
Dieser Kulturbund mit mehr als 70000 Mitgliedern war ein Propagandabund, der dem Ausland anzeigen sollte, daß die jüdische Bevölkerung nicht benachteiligt sei.
In Wirklichkeit wurde es immer enger und enger.
Als der Krieg kam, hoffte man, daß die Zeiten besser würden. Doch es kam anders.
1941 durften Günter und seine Frau in der US-Botschaft spielen. Hier knüpfte seine Frau die entscheidenden Kontakte, sodaß man Anfang Juni 1941 über Frankreich, Spanien und Portugal in die USA ausreisen konnte. Kurze Zeit später wurde der Kulturbund aufgelöst und die Mitglieder deportiert.
In den USA angekommen, verdiente das Paar ihr Geld bei Gelegenheitsjobs, dann zog man nach St. Louis, wo seine Frau als Bratschistin in einem Orchester eine Stellung bekam. Günter selbst wurde Möbelverkäufer, für 35 Jahre und packte seine Flöte offenbar nie wieder an. Sein Sohn, der ihn in hohem Alter interviewte, wollte wissen, wieso. Es stellte sich heraus, daß Günter nicht alles, was möglich war, tat, um seine Eltern nachzuholen. Dies war seine Schuld.

Longer consideration: 
Günter Goldschmitt, studied the flute in Karlsruhe in 1934 and although he was very talented, he was not allowed to continue his training in 1935 because he was Jewish.
Indignant, he wanted to emigrate immediately to Sweden, but the very next day he met his future wife, while doing a temporary job as a flautist with the orchestra of the "Jüdischer Kulturbund".
This cultural association, with more than 70,000 members, was a propaganda association that was supposed to indicate to foreign countries that the Jewish population was not disadvantaged.
In reality it was getting tighter and tighter.
When the war came, it was hoped that times would get better. But it turned out differently.
In 1941 Günter and his wife were allowed to play in the US embassy. It was here that his wife made the decisive contacts, so that at the beginning of June 1941 they could travel to the USA via France, Spain and Portugal. 
When they arrived in the United States, they made their living doing odd jobs, then they moved to St. Louis, where his wife got a position as a violist in an orchestra. Günter himself became a furniture seller for 35 years and apparently never tackled his flute again. His son, who was interviewing him in old age, wanted to know why. It turned out that Günter did not do everything he could to get them out of Germany. This was his fault.