Unsere Sprache

Christianes neuer Etüdenaufruf verlockt mich erneut.
Mein max. 300 Worte umfassender Text soll die Worte
Zeitlupe
behäbig
verprassen
enthalten.

Die Worte stammen von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten

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Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in denen bisweilen ein durchaus starker Dialekt gesprochen wird. Da heisst der Regen manchmal “Raache” und kommst Du morgen?: “Künnste morche?”.
Dieser Dialekt mag durchaus behäbig wirken, manchmal zumindest.
Lernen kann man so einen Dialekt kaum, selbst wenn man quasi in Zeitlupe die örtliche Aussprache verfolgt.

Beim sogenannten Schachblumenfest etwa 30 km weiter sprach ich mal mit einer Frau an einem Stand, an dem auch Bücher einer Mundart-Autorin vertrieben wurden. Die Frau bezeichnete sich als zugereist und die Ortssprache dort eigentlich nur ansatzweise richtig zu sprechen. Deshalb könne sie die präsendierten Gedichte nicht ganz adäquat vortragen, ich konnte das sowieso nicht.
Ihre Zeit in diesem Ort hatte sie jedenfalls nicht verprasst, es besser zu machen.

Vor zwei Wochen sprach ich mit jemanden, der sagte, er müsse morgen zu einem Platz namens Place de Caen. Wie man Caen auszusprechen hatte, wusste ich und führte das vor.
Um das Ganze dann noch auf die Spitze zu treiben, trug ich vor, wie “Ticinallo” in italienisch auszusprechen wäre. Ausgerechnet eine Italienerin, die incognito anbei stand, zerstob meine Auffassung und sprach das doch etwas anders aus! Authentischer, viel natürlicher. Ich hätte ihre Version gerne aufgezeichnet. Hätte ich sie dann auch repetieren können? Wohl kaum.



Werte

Christianes neuer Etüdenaufruf verlockt mich erneut.
Mein max. 300 Worte umfassender Text soll die Worte
Zeitlupe
behäbig
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Die Worte stammen von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten

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Von weitem sah ich es schon: Eine Frau und ein Mann sassen ruhig, fast behäbig in ihrer bäuerlichen Tracht, auf einer Mauer und ließen ihre Beine baumeln. Schön, das zu sehen. Es wurde einem warm uns Herz.
Ich hatte einst auf einer Fahrt nach Italien ähnliches gesehen: Ein alter Mann und seine Frau, auf einer Bank, die an einer Serpentine stand. Dieser friedliche Eindruck hatte sich in mir fest eingebrannt. Ein zauberhafter Moment war das gewesen.

Aber was war das jetzt? In Zeitlupe fast näherte ich mich. Ich traute meinen Augen nicht.

Diesem Paar war Unheil geschehen!
Die Beine dieser lebensgroßen Keramikfiguren waren abgeschlagen. Nur mehr Stümpfe standen auf Holzkisten.

Jemandem muss dieses Paar verdriesst haben. Jemand, der wohl seine Zeit verprasst und nach etwas sucht, was er beschädigen kann.

In Rosario sah ich einst mal ähnliches. Die Stadt ist ja voll von Skulpturen, gerade im Hafengebiet.

Ich sah auch mal unweit einer Architekturausstellung im Süden Deutschlands eine große Metallskulptur , die beschädigt war. Ich kann mich erinnern, welche Wut ich empfand, in ihr eine Delle zu bemerken.
Mein Abscheu hat sicher auch damit zu tun, daß ich selbst Skulpturen gestalte. Aber Skulpturen im öffentlichen Raum zogen mich auch schon vor mehr als 30 Jahren an, als ich noch nicht selbst welche baute.
Wie dem auch sei, so etwas tut weh.



Wo ist die Lupe?

Christianes neuer Etüdenaufruf verlockt mich erneut.
Mein max. 300 Worte umfassender Text soll die Worte
Zeitlupe
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Die Worte stammen von Werner Kastens mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten

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Insekten erleben uns als sich in Zeitlupe bewegend. Recht behäbig wirken wir, kaum der Rede wert.
Sind wir 60 cm weg, fliegen sie schon auf. Da sind Hornissen schneller unterwegs, aber in der Regel finden diese auch nur dann Opfer, wenn diese sehr, sehr unachtsam sind.

Manche sagen sich wohl, ich verprasse meine Zeit, wenn ich am Efeu stehen bleibe und nach seltenen Exemplaren suche. Da fahren schon mal 10 Autos auf einer wenig befahrenen Strecke vorbei., während ich da immer noch stehe.

Der Besitzer des Efeus wunderte sich auch über mein Dastehen. “Naja, jeder hat so seine Interessen!”, meinte er. Es schien mir, daß er erst jetzt das Getummel auf seinem Efeu bemerkte. Aber eigentlich müsste es ihn interessieren, denn schliesslich ist er Imker!
Ihn interessiert aber nur der Honig! “Keine Ahnung, wo die sich rumtreiben, die Bienen!”, meinte er kürzlich.

Das alles bringt mich zur Frage:

Was ist schön? Was erleben wir als schön?

Wenn wir zu etwas Beziehung haben.
Ein Schachfreund umfasste einst sacht ein Figurenbündel. Die Konstellation dieser wenigen Figuren auf dem grösseren Brett wirkte für ihn wie ein Gedicht. In der Tat sind manche Anordnungen dort von feiner Noblesse, von Wirkungsprinzipien durchdrungen, die Asche von Gedanken, könnte man sagen.

Insekten sind für viele miese Krabbler. Das kann ich verstehen, durchaus. Lieber weggucken!

Andere sehen im Verlauf eines Abgangs an einer Sanddüne physikalisches Wirken in reiner Form. Oder im schnöden Wasser einer Flasche die Wirkung einer Linse.

Wenn Dinge zu uns sprechen, lieben wir sie.
Auch wenn das jetzt zu kurz gedacht sein kann.