Wohlmeinend

Aus meinem Kritzelfundus

Einen dritten Text in Christianes neuen Etüdenaufruf bringe ich hier ein.
Mein max. 300 Worte umfassender Text soll die Worte
Biedermeier
niederträchtig
flöten.

enthalten.
Wortspender ist in diesen 2 Wochen Heide.

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Beim Gang durch den Garten fiel mir plötzlich das Wort „wohlmeinend“ ein.

Zwar mag das Wort nach Biedermeier riechen, nach Gemütlichkeit und feiner gediegener Einrichtung, aber ich kann mir wohlmeinende Menschen mit auch weniger gutem Auskommen vorstellen.

Wohlmeinende Menschen argumentieren nicht harsch. Sie betrachten die Dinge aus einer Mitte heraus.

Niederträchtige Ansichten über ihre Mitmenschen kommen kaum über ihre Lippen und wenn, dann nur als Nebennnote in einer Betrachtung über etwas anderes und Allgemeineres.
Sie sind eher geneigt, mit Charme und Nachsicht zu reagieren, wenn die Sprache auf Eigenschaften der Nächsten, Freunde und Bekannte kommt.

Sie wenden sich mit Gemach an ihren Partner, flöten und säuseln eher ihre Wünsche.

Es braucht für sie nicht die Gewalt starker Worte.

Von zeitaktuellen Diskussionen in Social Media halten sie sich fern, davon wissen sie in der Regel nichts Genaueres. Nur vom Hörensagen vielleicht.
Sie leben ihr Leben in Ruhe, haben ihre Fixpunkte wie gute Musik, Literatur und Ballett. In der Kunst sind sie befasst mit den Großen wie Renoir, Velasquez oder Jan Vermeer.

Sie sind also gebildet,
aber nur dort, wo es sich für sie lohnt.




Lichte Momente

Gestern gab es drei Phasen, in denen ich fotografierte. Das Wetter war recht instabil und nur zeitlich bänderhaft zeigte sich Sonne.

Ich zeige aus meinen Fotos gestern erstmal nur eine Neuentdeckung.

Drei dieser – mit blossem Auge – an kleine Käfer erinnernte Geschöpfe rasten unentwegt auf dem Blatt herum.

Es ist Camarota curvipennis, die Krummflügelige Halmfliege

2 – 3 mm lang.

Der Hinterkörper ist gebogen und die Flügel passen sich, nach unten gekrümmt, der Körperform an.

*

Das Insekt war neu für mich!

Also lohnt sich doch das beständige Fotografieren in der Natur.

Auch aus anderen Gründen lohnt es sich: Ich konnte heute eine seit Tagen lästige Fliege aus dem Wohnraum schonend und sehr schnell zur Freude meiner Frau entfernen 🙂

Gestohlene Momente

Gestern Abend tauchte noch mal kurz die Sonne auf. Gerade so lange, um Blätter auf Heckenfronten noch ein wenig mit ihrem Licht zu verwöhnen.

Einziges Tierchen auf weiter Front:

Eine Erlenschaumzikade (Aphrophora alni), ausgerechnet auf einer gelben Schafgarbe

Da war die Sonne schon wieder weg.
Ob sie davon wusste?!

Übers Aussteigen

Bleistift-Skizze an irgendeinem Dienstagabend in irgendeinem Jahr der 2010er Jahre.

Einen zweiten Text in Christianes neuen Etüdenaufruf bringe ich hier ein.
Mein max. 300 Worte umfassender Text soll die Worte
Biedermeier
niederträchtig
flöten.

enthalten.
Wortspender ist in diesen 2 Wochen Heide.

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Harald Welzer ist zweifelsohne keine Biedermeier-Figur, aber in seinem neuesten Werk „Nachruf auf mich selbst“ lobt er auch den Müssiggang. Zitat:
„Ich habe gelernt, das „Sinnlosen“ (um dieses wunderbare, von Gerhard Polt erfundene Verb zu zitieren) dem Fleissigsein vorzuziehen, gelegentlich jedenfalls.“

Nun, dazu passend, auch Inkonsequentsein schreibt er in seinem Buch durchaus interessante Aspekte zu.

Der Humor geht Welzer offenbar niemals flöten, selbst wenn er in diesem Buch über die breit bekannten Folgen des industriellen Fortschritts spricht.
Er weiß, hier Schreckensszenarien auszubreiten bewegt wenig bis nichts!
Im Gegenteil: Wird angemerkt, daß eine bestimmte Insel wohl durch den steigenden Meeresspiegel überflutet werden wird, könnte es sein, daß einige niederträchtig nochmal schnell die Insel besuchen werden wollen.
Oder sich schnell einen SUV kaufen, bevor er verboten wird.

Nein, er möchte einfach stattdessen schmackhaft machen, daß ein Ausstieg, ein geordneter Rückzug, aus bisherigen Produktions- und Lebensweisen sowohl unabdingbar ist als auch Chancen bietet, Leben neu zu befruchten.

In seinem Buch interviewt er Leute, die das Thema Aussteigen kennen.
Zuerst den Bergsteiger Reinhold Messner, der einige kostspielige und lang geplante Touren abbrach, weil er vor Ort erkannte, daß er sich mit der Schwierigkeit der Tour verschätzt hatte.
Andere beendeten eine Karriere in dem Augenblick, wo sie erfolgreich waren und wendeten sich neuen Feldern zu, auch solchen, wo sie dann wenig an Erfahrung mitbrachten.
Banal wäre es für diese Leute gewesen, weiterzumachen, denn dann wäre wohl der Input nicht mehr wirklich schöpferisch gewesen und nur dem Erhalt des Prestiges geschuldet.

Welzers Buch liest sich flüssig, es ist geistreich und frisch und bietet, allein durch die eher beiläufige Nennung von Namen, Querverweise zu manch interessanter Quelle, um dort Atem zu holen.
Dort zu holen, wo man neu und anders an Dinge herangeht.