Der Eremit

Broken, Zeichnung in den 90ern

Im Jahr 2020 geht es dank Christiane munter mit den Etüden weiter.
Die Wortspende stammt diesmal von Ludwig Zeitler.
Ich beteilige mich gerne an dem Projekt.
Folgende Worte sind zu verwenden:

Rumpelkammer
mutvoll
zehren.

Eine fiktive Erzählung.

*

Franz ist ein seltener Mensch.
Zuerst: Seine Art zu schauen ist so, daß man nicht weiß: Schaut er jetzt diesen Gegenstand in ein paar Metern Entferung an oder nicht?!
Leer ist der Blick dabei nicht, aber er scheint nichts zu fixieren.
Doch halt: Auch das ist es nicht! Der Blick ist fest, aber es scheint sich nichts darin zu spiegeln.
Von einem Gespräch mit ihm mag ich lange zehren. Er hat eine Art der Argumentation, die nicht meine, aber keinesfalls als abwegig zu bezeichnen ist. Es kommt darin fast nichts vor, was man sonst auch von anderen Menschen hören könnte oder schon gehört hat!
Wie ausgespart also von den üblichen Phrasen und Sichtweisen, doch das nicht bewusst, sondern auf zufällige Art.

Er lebt als Eremit in einer Art Rumpelkammer. Gesehen habe ich diese Kammer mal durch einen Spalt.
Ich stelle mir diese halt so vor.

Mit vielen Leuten spricht er nicht. Mutvoll empfinde ich, daß er mit mir spricht. Ab und an jedenfalls, wenn sich unsere Wege kreuzen.

Oft habe ich das Gefühl – oder eine leise Ahnung – daß er sich irgendwann an etwas in unseren Dialogen stören könnte und er dann nicht mehr wiederkäme, ohne Streit, einfach so.

Für mich wäre das schlecht, weil ich seine Unabhängigkeit schätze! Auch wenn mir seine Art manchmal etwas miefig und absonderlich vorkommt.

Für ihn wäre es sicher auch schlecht. Aber vielleicht würde er mein Fehlen garnicht bemerken – oder es würde ihn dagegen hart treffen! All das weiß ich nicht!

Ich glaube, daß es irgendwann zu einem “Zerwürfnis” kommen muß, aber wann? In einem Monat oder in 10 Jahren?! Vollkommen unklar für mich. Auch weiß ich definitiv nicht, was zum Zerwürfnis führen könnte!
Ich befinde mich da fast wie auf einem Balancierseil.
Man wird sehen.

Aber das Ganze, unser Gemeinsames, wenn ich so sagen darf, würde vollkommen entwertet sein, wie fast nicht geschehen, wenn es so käme! Und das ist mir unheimlich.

*

44 thoughts on “Der Eremit

  1. Ja, ich war auch früher ein Sonderling (oder eine weibliche Form davon… ; )
    Und in meinem Inneren bin ich jetzt immer noch… zumindest fühle ich mich so. Anders.
    Am liebsten bin ich alleine und schreibe.
    Ich habe auch schon viele Gedichte darüber geschrieben.
    Eine Haiku-Reihe heißt zum Beispiel: “Ein Außenseiter zu sein”.
    Da geht es um meine Erfahrungen in der Grundschule – und darum, daß ich früher immer gerne gewesen wäre wie all die anderen Mädchen. Es gelang mir aber nicht. Und heute bin ich ganz froh über dieses Anders-Sein.
    Ich glaube, jeder Künstler und jeder Schriftsteller hat einmal diese Erfahung gemacht: anders zu sein.
    Und später kommt ihm – kommt uns – das dann zugute. Man nimmt es an. Man lernt mit der Zeit auch, trotz des Anders-Seins auf andere zuzugehen…
    Liebe Grüße, Hannah
    P.S. Und das Schöne und Interessante ist ja: der (oder die), der (oder die) sich früher immer so anders fühlte, bringt später (durch die Kunst und / oder die Gedichte oder was auch immer) das zum Ausdruck, was ihn oder sie bewegt – und siehe da – mit einem Mal finden sich die anderen darin wieder… !

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    1. Liebe Hanna,
      danke für Die Offenheit.

      Du sprichst viele Dinge an.

      In meiner Klasse war auch ein seltsames Mädchen. Obwohl hübsch, interessierte sich niemand für sie.
      Erst kürzlich kam mir der Gedanke, daß sie vielleicht lesbisch war. Wenn das so war, habe ich das als Letzte(r) gemerkt – was typisch für mich war.
      Jetzt denke ich, daß sie viölleicht asexuell sein könnte. Doch ist das im Grunde egal.

      MEIN Anderssein endete eigentlich erst 2002, als mein Vater starb. Da ich die Vormundschaft übernommen hatte, erntete ich erstmals die Achtung meiner Brüder.

      Du sprichst davon, spät zu den anderen dazuzustossen – die Anderen finden sich plötzlich auch in Dir wieder. Das hat auch damit zu tun, daß speziell diese Leute nicht mehr darauf abzielen, dich “zu entwerten”. Sie haben nämlich schon selbst viel “Entwertendes” in ihrem Leben mitgemacht: Krankheit/Scheidung/Unfall/Verlust.

      Ab und an treffe ich dann noch Leute, die mich nicht ernst nehmen. Das taten sie aber schon immer. Insofern denke ich: Sie brauchen jemand, auf den sie runterschauen können – und das ist o.k., denn es hat mit mir eigentlich nichts zu tun.

      Lieben Gruß
      Gerhard

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      1. Lieber Gerhard,
        danke dir für deine offene Antwort.
        Ja, so ein Anders-Sein kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Oft sind es Kinder mit einer schwierigen Kindheit, die sich anders fühlen und sich anders benehmen als die anderen Kinder. Kinder, die zu Hause Schwierigkeiten haben (die etwa Gewalt erfahren). So war es bei mir. Ich war nicht unbeschwert, nicht unbekümmert, nicht unbefangen, nicht selbstbewußt als Kind, und da haben dann die, die sich dazu berufen fühlen, andere zu ärgern und zu entwerten, natürlich ein leichtes Spiel.
        Außerdem sind es oft die schüchternen und die sehr sensiblen Kinder, die geärgert und / oder ausgegrenzt werden. Nun ist es aber so, daß die erhöhte Sensibilität dann später dazu führen kann, daß man ein Künstler / eine Künstlerin wird. Und das finden die anderen dann auf einmal ganz interessant und ganz gut.
        Jedenfalls mache. Ich finde, man merkt genau, wer einen aus welchen Gründen gut findet.
        (Das muß man ja merken, wenn man sensibel ist… ; )
        So, und nun ist man heute in der glücklichen Lage, auswählen zu können, mit wem man sich umgeben möchte.
        Und das sind dann – in meinem Fall – die anderen sensiblen Menschen, die, die auch etwas anders waren – und sind… : )
        Liebe Grüße, Hannah

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        1. Ich vermute, es handelte sich um andere Gewalt als etwa Schläge, die Du erfuhrst.
          Bei uns gab es Gewalt auch, selbst meine Mutter hat mich einmal massiv bedroht.

          Von solchen Erfahrungen wollte ich früher mal hier schreiben, unterlies es aber – zurecht. Es ist wie es ist.

          Ich hatte übrigens noch eine 7. Etüde aufgesetzt, aber nicht veröffentlicht. Sie wäre vielleicht zu verräterisch gewesen. Und vielleicht auch nicht verständlich. Denn ich war arglos und unwissend als Kind und Jugendlicher.

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          1. Lieber Gerhard,
            vor einigen Jahren habe ich einen ganzen Gedichtband über diese Gewalt-Erfahungen geschrieben und darüber, was sie angerichtet haben. Der Gedichtband heißt: Schlaflos. Ich musste mir diese Erfahrungen von der Seele schreiben. Und das war sehr heilsam für mich. Die Resonanz war sehr gemischt. Einige LeserInnen waren begeistert, andere befremdet, viele haben geweint, einige mussten die Lektüre abbrechen.
            Immer wieder mal liest es jemand – und ich finde es immer interessant, wer wie reagiert.
            Das hängt halt immer auch vom jeweiligen Erfahrungshintergrund des jeweiligen Lesers / der jeweiligen Leserin ab. Manche mögen das Buch, manche mögen es sehr, andere ertragen es nicht. Und einige verstehen es nicht.
            Mir hat es auf jeden Fall sehr geholfen, dieses Buch zu schreiben – und ich glaube, es war bzw. ist bisher mein bestes Buch.
            Liebe Grüße, Hannah
            P.S. In meinen Blog habe ich die Gedichte nicht hochgeladen, aber das Buch wird oben im Blog vorgestellt und besprochen (unter der Rubrik: Bücher).
            So, und jetzt mache ich mir besser mal eine Flasche Wein auf… ; )

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          2. Und ja, doch, Schläge waren schon auch dabei. Es war so ziemlich alles dabei. Aber diesen Kommentar hier kannst du gerne wieder löschen, lieber Gerhard.
            Das war nun schon sehr viel sehr Persönliches von meiner Seite.
            So und nun ist es allerhöchste Zeit für ein Glas Rotwein, den habe ich mir verdient… ; )
            Liebe Grüße und bis bald, Hannah
            P.S. Ich habe dir so offen geschrieben, weil du mir auch offen geschrieben hattest, neulich auf dem Blog und auch heute… Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel alles… !

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      2. Und ja, das was du geschrieben hast, stimmt natürlich auch.
        Die anderen haben im Laufe ihres Lebens auch schwierige Zeiten durchlebt, Krisen durchgestanden, Erfahrungen gemacht, die ihnen gezeigt haben, was es bedeutet, sich schwach und verletzlich zu fühlen und zu leiden.
        Und so hat man nun eine gemeinsame Ebene – auch mit denen, die früher so unbedarft waren.
        Und: man hat ihnen etwas voraus – schließlich musste man schon in jungen Jahren lernen, was eine Krise ist, wie sie sich anfühlt – und wie man sich aus ihre befreien kann.
        Und auch, was beispielsweise eine Depression ist, wie sich sich anfühlt – und wie man sich im Laufe der Jahre auch daraus befreien kann. Und so kann man plötzlich sogar um Ratgeber (oder zur Ratgeberin) werden… ; )
        Liebe Grüße nochmal, Hannah

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  2. Ja, solche Sonderlinge gibt es viele. Und vielleicht werden es immer mehr. Er unterwcheidet sich von anderen und seine Denkweise geht vielleicht abstruse Wege und findet dann doch immer wieder zu einem Punkt, an dem man verstehen kann.
    Warum meinst Du, er könne sich irgend abwenden von Dir? Wieso kommt Dir dieser Gedanke überhaupt?
    Es sieht doch nach nicht uninteressierten Gesprächen aus.
    Wie kamst Du aus Deinem eigenen Sonderling-Sein heraus? (manchmal denke ich auch, daß ich ein weiblicherSonderling bin *g*) Aber tragen wir nicht alle etwas davon in uns? Etwas Absonderliches, das uns von anderen unterscheidet?

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    1. Danke Bruni!
      Meistens erkennen andere eher das merkwürdige an uns. Etwa, wenn man Videos von sich sieht, kann man manches erahnen.

      Wie kam ich aus meinem eigenen Sonderling-Sein heraus?
      Hauptsächlich durch Therapie.

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  3. Ein Sonderling, wie lange habe ich das Wort schon nicht mehr gehört! Ich mag Sonderlinge, auch wenn einige ziemlich anstrengend sein können. Ich stelle mir vor, dass dieser Sonderling deine Sanftheit mag, deine Offenheit, dein Bemühen um Unvoreingenommenheit und Verständnis (in der Annahme, dass der Erzähler und du viel miteinander teilen). Danke für dies Schlaglicht.
    (Ach so, die Pings scheinen wieder zu funktionieren.)
    Liebe Grüße
    Christiane, etwas spät 😁☕🌞🦋🌼

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    1. Schön, daß es pingt.

      Zur Geschichte: Ich war selbst mal ein Sonderling, ein Aussenseiter, von früh auf schon, jemand der auch immer wieder Häme eingesteckt hat. Wie so oft, ist man später dann intolerant gegenüber Sonderlingen oder schaut auf sie herab.
      Wenn man von dieser psychologischen Funktion in sich weiß, dann kann man weitestgehend vorurteilsfrei mit diesen “Sonderlingen” umgehen und ihnen zuhören.
      Man profitiert dann auf beiden Seiten.

      Im Grunde, stelle ich gerade fest, ist es Liebe, Liebe zu sich selbst, dem hilflosen Kind in mir, das ja in ihm sichtbar wird.

      Nicht immer ist es mir gelungen, solchen Menschen wie in der Geschichte fruchtbar zu begegnen.

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      1. Ja, Liebe. Ein großes Wort, aber meiner Meinung nach völlig gerechtfertigt. Und wer sich selbst kennt, der kann im Außen gelassener reagieren – und zum Beispiel unterscheiden, ob eine Reaktion lediglich eigenen Ängsten entspringt oder gerechtfertigt ist …

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  4. Wenn man etwas so Eigenartiges wie diesen Menschen gefunden hat, der einen durch seine spezielle Art auch selbst auf ungewöhnliche Denkpfade mitnimmt, kann man ihn sicher auch als einen Schatz zu empfinden, den man verlieren könnte.

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    1. Hass gegenüber dem Eremiten fühlt der Erzähler eigentlich nicht. Zwar fühlt sich der Erzähler gebunden, aber auch irgendwie geehrt. Denn der Eremit ist ja so ganz anders wie die anderen, auch ein Stück weise.
      Denn er kennt keine Phrasen.

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