
Für zwei Wochen stehen Christianes neue Etüden an.
Die folgenden 3 Worte sind in einem Text von max. 300 Worten zu verwenden.
Die Wortspende ist diesmal von wortgeflumselkritzelkram.
Strickjacke
trügerisch
entdecken.
*
Als kleiner Bub bin ich oft Richtung Hecke gegangen.
Ein Bauer in seiner Strickjacke bemerkte mich, rief mir halb launig zu: “Pass auf, die Russen kommen!”
Das saß tief und erzeugte eine Angst, die nicht vergehen wollte.
An meine Eltern damit heranzutreten, kam nicht in Frage. Was, wenn sie die Gefahr bestätigt hätten?! Wenn ich hätte entdecken müssen, daß etwas Unheimliches nahezu unabwendbar war?
So wusste ich nie, ob meine Angst eine trügerische war.
Mindestens 10 Tage schleppte ich das mit mir rum.
Was für eine Erleichterung, als eine Nonne im Religionsunterricht ganz unvermittelt aussties: “Gottseidank ist die Gefahr vorbei!”.
All die Anspannung floss von mir ab. Und es bestätigte sich, daß die Gefahr also doch eine reale gewesen war.
*

Puh, heftig. Und wie furchtbar, dass man Kindern Angst macht und diese Angst dann auch unerklärt ist.
Vermutlich, weil sie es als Kind selbst so erlebt hatten.
Eine Geschichte, die Du selbst erlebt hast, Gerhard?
Ja, selbst erlebt, Bruni.
Ich hatte man intensiven Kontakt zu einer Russin. Die sagte mir, dass es in Russland den umgekehrten Spruch gibt und die Angst vor den Deutschen wohl ebenso tief sitzt.
“Ländernzugeordnetes” gibt es sicher schon Jahrhunderte.
Oh, das berührt mich.
Schon allein der Gemeinheit wegen, einem Kind solche Angst zu machen. Verstehe, dass Dir das unvergesslich ist.
Dann auch diese Art Verallgemeinerungen, die Vorurteile anheizen – ob nun “die Russen”, “die Türken” oder wer auch immer. Gut, dass Du trotz allem ein aufgeklärter toleranter Mensch geworden zu sein scheinst – nach allem, was ich bei Dir lese, bin ich mir da sicher.
Da das Wort Russe auch in der DDR, aus der ich komme, negativ besetzt war, lernten wir in der Schule, dass wir nicht Russen, sondern Sowjetbürger sagen sollten.
Ich war damals so etwa zehn Jahre alt und ich antworte seitdem sehr gestelzt auf Fragen, mein Vater sei Sowjetbürger. Wobei Russe ja trotzdem zutreffend war/ist 😉 Dass in der Sowjetunion und später auch Russland ganz viele verschiedene Völker und Volksgruppen lebten und schon allein nicht alle dort “Russen” seien, habe ich dann auch erst später begriffen.
“Dass in der Sowjetunion und später auch Russland ganz viele verschiedene Völker und Volksgruppen lebten und schon allein nicht alle dort “Russen” seien, habe ich dann auch erst später begriffen.”
Dasselbe gilt auch für mich. So nach und nach lerne ich da hinzu.
In der Schule lernt man ja so etwas nicht.
Eindrücklich erlebt und geschildert!
Danke und lieben Gruss,
Brigitte
Ja, so etwas vergisst man nicht.
Danke, Brigitte!
Deine Fantasie ist zu bewundern, lieber Gerhard. Wie du diese kleinen Perlen von Geschichten so einfach aus dem Ärmel schüttelst!
Diese Geschichte habe ich noch deutlich in Erinnerung. Fast 60 Jahre her.
Ich wollte auch gerade fragen, wann das war. Trotzdem: Ich finde es bescheuert, einem Kind Angst zu machen – für nichts. 🤔😠
Danke dir, dass du das teilst.
Mittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍
Manche Kinder tuns weg, ich konnte das nicht.
Auch wenn unser Pfarrer immer die Hölle anführte…
Es gibt so Sachen bzw. Sprüche, die hauen in eine Kerbe, die uns gar nicht bewusst ist.
Ja sicher, so ist das!
War das in Zeiten des sog. Kalten Krieges?
Ja, das war die Cubakrise
Oh, da lag ich als Kind längere Zeit im Krankenhaus und konnte gar nicht verstehen, weshalb die erwachsenen Mitpatientinnen von argen Ängsten geplagt wurden…
Die wussten, was das heisst.
Genau! Ähnliche Panik erlebte ich 1968 bei meinen Eltern, als die Russen 1968 in die Tscheslowakei einmarschierten. Mein Vater war nachts beruflich unterwegs und hatte die immensen Truppenbewgungen unter kriegsmäßigen Bedingungen erlebt. Das war damals schlimm für mich, diese furchtbare Angst bei meinen ansonsten coolen Eltern zu erleben.
Das kann ich mir vorstellen, Hedwig!