Category: Kreatives sonst

Robert Feldmann – Lügner

Gerade lese ich “Lügner” von Robert Feldmann, eine Abhandlung über die Lüge.

Entgegen der üblichen Gewohnheit möchte ich schon jetzt, bei Seite 108 und nicht erst bei Beendigung des Buchs, ein paar Worte verlieren.
Zunächst einmal: Ich lese kaum mehr Bücher über Psychologie und wenn, dann, wie vor 3 Jahren,  ein Standardwerk zur Geschichte der Psychoanalyse. Dabei handelte es sich aber primär um Wissenschaftsgeschichte – und die finde ich immer wieder spannend.

Feldmann schreibt über die Funktion von Lüge und Täuschung, daß sie nämlich u.a. ein Schmiermittel in der Gesellschaft darstellt. Ein einfaches Beispiel ist etwa, daß, wenn jemand eifrig eine Geschichte erzählt und sich zwischendurch vergewissert “Du kennst doch dieses Aussage/dieses Buch/den Fred?”, dann sagt man meistens “Ja”, damit das Eigentliche, der Fluß, nicht unterbrochen wird. So etwas kann man redliche Lüge nennen.
Feldmann spricht über die vielen Facetten von Lügen/Täuschungen und Unwahrheiten und welche Funktion sie haben. In aller Regel haben Lügen keine Konsequenzen, das wird klar. Oft sind sie sogar von beiden Seiten erwünscht.
Das Buch wirkte zu Anfang etwas langweilig, redundant oder wie ein Ratgeberbuch. Doch das Anführen diverser Studien und Versuchsanordnungen zeigte alsbald, daß es tatsächlich ein Wissenschaftsbuch ist und dabei auch immer wieder philosophische Fragen streift.
Im Zuge seiner Ausführungen bespricht Feldmann natürlich auch das große Thema “Täuschen” im Tierreich und die Evolution der diversen Strategien dabei.
Zum Täuschen hatte ich gerade im Bereich der Insekten schon einiges Spannende gelesen und jetzt wiedererinnert. Man fragt sich, wieso manche Strategien nicht wieder eine Gegenstrategie erfahren?! Ich denke, das wird auch so sein, sodaß wir in vielen “Auseinandersetzungspaaren” auch hier etwas recht Komplexes und Vielschichtiges beobachten werden können.
Mal schauen, welche interessanten Aspekte noch zum Thema werden.

Insgesamt gut, daß ich das Buch nicht bei 50 Seiten weggelegt hatte.

 

 

Individualismus und Begabung

In einem kürzlichen Workshop wurde ich mit diversen Interessen der zumeist jüngeren Teilnehmer abseits ihres recht fordernden Jobs konfrontiert.
Was mir auffiel, war, daß fast jeder ein gehöriges Set an zeitaufwendigen und besonderen Hobbys pflegt oder gepflegt hat.

Zwar hatten die Akteure diese einzelnen Steckenpferde nach und nach erworben, aber diese spielten meist nachwievor eine Rolle.
Manche “Steckenpferde” machten mich fast sprachlos – es musste ein gehöriger Drive dahinter gesteckt haben, jeweils soweit zu kommen.

Ich dachte bei mir: Hatten die Vorgängergenerationen solche Chancen gehabt “wie die heutige Jugend” oder lebte sie eher völlig schlicht, den jeweiligen Umständen angepasst?

Das mit den geringeren Interessen ist bei näherer Betrachtung offenbar nur scheinbar so gewesen. Wann immer die Gelegenheit dazu bestand, versuchte sich die jüngere Generation immer zu beweisen. Mein Vater war z.B. ein veritabler 10.000m-Läufer, der sich für die Studenten-WM qualifizierte, aber aus Kriegsgründen an einer solchen Veranstaltung nicht teilnehmen konnte.
Sein Bruder, von dem ich im Einzelnen nicht viel weiß und der früh im Krieg fiel,  war ein Musiker, bildender Künstler und Großstadtkenner – und das alles, obwohl er auf dem Lande aufwuchs.

Sich profilieren zu wollen, sich auszuprobieren, das scheint in unser aller Blut zu stecken.