Category: Gesellschaftliches

Spirituelles im Film

Der Film “Paterson” von Jim Jarmusch hat es mir angetan.
Ich habe den Film zwar schon vor gut einer Woche gesehen, aber er wirkt auf eine Weise nach, daß man ihm eine “spirituelle” Qualität attestieren sollte und muß.
Was ist der Plot des Films?
Es geht um einen Busfahrer in Paterson/New Jersey, vielleicht Mitte 30, der tagtäglich “seine Runde zieht “: Nach dem Aufwachen zur fast immer der gleichen Zeit im Bett neben seiner Frau ist er bald an seiner Wirkungsstätte zu finden, einem Busbahnhof. Hier besteigt er sein Gefährt und beginnt, seine ihm typischen Gedichte in ein schlichtes Notizbuch zu schreiben. Diese Gedichte entfalten sich unspektakulär, sind für mich eine blosse Umarmung von Sprache und Sein, handeln z.B. von einer Streichholzschachtel, dem Design dieser und was das Zündholz darin bei der Liebsten bewirken kann.
Immer wieder wird er beim Verfassen der Gedichte unterbrochen, in Gestalt des Kollegen bzw. Vorgesetzten, doch tut ihm das offenbar nichts.
Auf der alltäglichen Busfahrt wird ihm Geschehen zugetragen, Gedanken und Erlebnisse der Mitfahrer, die offensichtlich in ihrem eigenen Kosmos unterwegs sind, einer Welt, die, wie man mit dem Busfahrer zusammen begreift, etwas Theatralisches und weitgehend Selbstgemachtes an sich hat..
Immer wieder geht dann der Film in eine Phase über, in der der schwere, bleierne Bus sich durch die Stadt schiebt und die Szenen dieser Stadt in einer Art Zeitlupe an dem Busfahrer vorbeitreiben. Paterson saugt dieses Geschehen auf den Strassen nicht auf, es wird ihm gleichsam zugetragen, wie ein mächtiger Bewusstseinstrom. Es ist Leben, es ist Atmen, es ist Sein.

Nach getanener Arbeit kehrt er nachhause zurück, in ein kleines Haus, das er sein eigen nennen kann. Hier erwartet ihn seine Frau und der Hund Marvin.

Seine Frau dekoriert das Interieur des Hauses jeden Tag aufs Neue in einem Schwarz-Weiß-Design, das nie langweilig zu werden scheint, jedes Mal neu und frisch daherkommt.
Zwischen den beiden scheint es nie zum Streit zu kommen. Es scheint keine Anlässe dafür zu geben. Äussere Bewegung gibt es dennoch, denn seine Frau möchte ihre Fähigkeiten, die zum Teil noch gar nicht ausgebildet sind, nach aussen tragen. Wohlwollend unterstützt er sie dabei.
Abends dann geht Paterson mit dem Hund spazieren. Sein Weg führt ihn immer an einer Kneipe vorbei, in der er sein Bier trinkt und in der er von den Nöten anderer zu hören bekommt. Danach kehrt er nachhause zurück – und alsbald beginnt der Tag aufs Neue, immer eingeläutet mit dem Wecker und dem Gewahrsein seiner Frau, die neben ihm liegt.

Man könnte meinen, dieser sanfte, langsam lebende  Poet und Busfahrer sei nicht von dieser Welt, unpraktisch , unbeweglich und irgendwie ein Nerd. Doch zeigt sich, daß diese Einschätzung falsch sein muß, denn auf eine gewaltsame Szene in “seinem”Bistro reagiert er geistesgegenwärtig und entschärft die Situation.

Im Leben Patersons kommt es im Gleichlauf der Tage dann doch zu einer Krise, die aber auf eine wundersame Weise gelöst wird, nämlich in Gestalt eines poesieliebenden Fremden im Park, der ihn an die Kraft seiner Gedichte erinnert und ihn anspornt, da weiterzumachen wo er aufhörte.
Man kommt nicht umhin, dabei an ein Netz an Beziehungen und Energien zu denken, in dem die Dinge gelöst werden, die zu lösen sind.

 

 

 

Dunkelkammer – ein Kammerspiel

Das Theater am Neunerplatz in Würzburg zeigte am 25.11. das Stück “Dunkelkammer”.

In dem 5-Personen-Stück ging es um Schuld und das Wie des Lebens.

Merve, die Hauptfigur, fragt sich immer wieder, was die Wahrheit ihres Lebens ist und geht dabei beständig in Dialog mit einer anderen Instanz in ihr, die von einer Gegenspielerin am entgegengesetzten Ende der Bühne verkörpert wird.
Merve hat ihren Vater früh verloren, zunächst durch Trennung von seiner Frau, dann durch seinen ebenso frühen Tod.
Er steht nicht mehr zur Verfügung. Dringenden Rat von ihm zu erhalten, ist nicht mehr möglich. Dennoch kann sie das nicht akzeptieren. Ihr Gegenüber sagt ihr eins ums andere Mal, daß sie jetzt lebt und die Vergangenheit “nicht (mehr) existiert”. Sie ist nicht vorhanden und quasi unsubstantiell.
Eine tiefe Wahrheit, aber Merve kann sie nicht annehmen.

Zu dem frühen Verlust gesellen sich weitere Verluste, an denen sie sich jeweils schuldig fühlt. Ihr kleiner Bruder, auf den sie aufpassen soll, verunglückt tödlich. Ebenso ein Freund.
Wo ist ihre Schuld dabei? Ihr “anderes Ich” sagt ihr: Es gibt keine Schuld!”. Das prallt bei Merve ab. Antworten, die sie verwerten könnte, gibt es bei ihrem Gegenüber für sie nicht . In der Dunkelkammer hängt ihr zweites Ich immer wieder Abzüge auf, die allesamt schwarz sind.
Ganz zum Schluß scheint eine Lösung aufzuscheinen. Merve scheint sich von ihrem Gewissen befreien zu können. Ob das eine temporäre Lösung war oder nur Schein, das bleibt offen.

Das Stück wurde von Ulrich Winkelmann und Sebastian Schubert-Legner in Szene gesetzt.

In minimalistischer Ausstattung, mit sparsamen, stimmigen Electro-Klängen und einer klugen Gestaltung des Bühnenraums wirkte das Stück sehr dicht.
Der Hinterraum der Bühne, der  durch einen Gazestoff abgetrennt war und in dem das Geschehen in der Aussenwelt stattfand, das Merve zu denken gab, lies den Eindruck zu, alles spiele sich wie auf einer Leinwand ab. Das Leben als Film, als etwas, dass sich so oder so entwickelt und seinen Gang geht.

Mir gefielen besonders die minimalistischen, stoischen und einstudierten Bewegungen der Frau in der Dunkelkammer. Was sie tat und zu sagen hatte, geschah oft in einer bestimmten Form. Dennoch geriet sie des Öfteren  in Rage ob der Unbelehrbarkeit von Merve.

Dieses beeindruckende Stück ist noch heute und am 4.12. zu sehen.

 

 

 

 

Begegnung an der Tanke

Gestern Abend war ich tanken und traf dabei im Laden überraschend einen guten Freund, mit dem sich gleich ein Dialog entspann.
Ich lies 2 Kunden vor und bezahlte so etwas später, um dann wieder draussen mit dem Gespräch weiter zu machen.
Jemand sprach mich plötzlich an, ob das mein Auto an der Zapfsäule sei. Er wolle auch tanken.
Die Art der Ansprache war sehr freundlich, der Mann war nicht verärgert.
Er mochte vielleicht 40 gewesen sein und schaute etwas fremdländisch aus. Sein Deutsch war aber perfekt, so daß ich schloß, daß vielleicht ein Elternteil von ihm aus einem anderen Land stammt.
Weswegen ich das alles erwähne? Mich verblüffte die Ruhe und die Freundlichkeit des Mannes!
So ein Verhalten ist in unserer Gesellschaft heutzutage eher selten anzutreffen.
Erst Tage zuvor hatte mich eine Frau, die hinter mir in der Reihe zur Kasse stand, angesprochen, ob ich denn mit meinem Einkaufswagen gedenke, weiterzugehen. Ich hatte kurz wegen eines Artikels gestoppt, den ich griffbereit im Regal neben mir sah. Dieser kurze Stop schuf einen Meter Platz zwischen den Wagen, den jemand nutzte, um sich vor mir hinzustellen.
Ich antwortete der Frau: „Ja sicher doch gehe ich weiter!“ Und erntete nur einen mürrischen Blick, der mir in etwa sagte: „Hättest Du halt besser aufgepasst! Deine Entschuldigung bringt mir jetzt nichts!“.
Dem Mann an der Tanke bat ich übrigens um Entschuldigung und wiederholte diese noch mal, als er vom Zahlen zurück kam. Mich hatte seine Reaktion so stark beeindruckt, daß ich das so wollte.
Das Gespräch mit dem Freund konnte übrigens am Rand der Tanke noch eine Weile weitergehen.

Bonmot dazu: Spirit tanken beim Sprit tanken