Wohnzimmerreise Januar

Heide (Puzzleblume) und Almuth (Pflanzwas) haben etwas angedacht, was ich interessant fand und an dem ich mich gerne beteilige:

Eine sogenannte Zimmerreise und zwar einmal im Monat. Oder mehrmals, wenn man möchte.
Heide managt nun dankenswerterweise das Projekt und dies hier ist mein Beitrag für den Januar:

***

Diese kleine afrikanische Skulptur hat Leben!

Sie verbindet mich, obwohl in Würzburg gekauft, mit einer kurzen Reise nach New York 1995.
Damals fand dort die Schach-WM zwischen Kasparov und Anand statt, was der äussere Grund der Reise war.
An nur einem einzelnen Abend besuchte ich die Spielstätte der Schachgrössen, die anderen Tage streifte ich durch die Stadt.

Natürlich wollte ich die Broadway-Theater, aber auch die Kunstmuseen besuchen.

Da gab es das MoMA, museum of modern Art, das Guggenheim und das Whitney museum of american arts , das Museum of contemporary arts und das Metropolitan Museum.

Seltsamerweise erinnere ich mich ausgerechnet immer wieder mal an die langgezogenen Treppenaufgänge des Metropolitan Museum.
Ich ging am Morgen auf den fast leeren Treppen hin und her. Ich vermute, das Museum war noch nicht offen. Und ich wollte keinerlei Zeit versäumen, typisch.
Jedenfalls waren diese Treppen recht lang, fast schon zum Jonglieren einladend.

Da ich eine Kontaktlinse gleich am Eintreffabend verloren hatte, sah ich mich für die folgenden 5 Tage gehandicapt. Die andere verbliebene Linse war zu schwach, also lies ich sie auch gleich weg.

Im Museum sah ich mir die üblichen Highlights an wie etwa den Tempel von Dendur.

Im linken Teil des Museums war die afrikanische Kunst untergebracht, die mich mehr interessierte.
Hier gab es viel zu bewundern. Ursprüngliche Kunst wie meine Skulptur oben.
Einen Stock höher dann war die Ozeanische Kunst untergebracht.

Und hier verschlug es mir ganz unerwartet den Atem!
Es war ein Erweckungserlebnis. Die dort gezeigte Kunst schien mir noch kraftvoller, urtümlicher und aufgeladener zu sein als die afrikanische Kunst. Ich war zuvor noch nie solcher Kunst begegnet.
Wem nur konnte ich diese Eingebungen und Gefühle mitteilen? Es war einfach überwältigend.
Ich versuchte mir wie oft die Formen einzuprägen, die langen Schiffe, die viele Meter hohen Kultgegenstände.

Nur ein Foto aus diesem Raum hatte ich “gerettet”, denn meine Filmrollen waren begrenzt.

Geisterstange der Mimika aus Neuseeland



Ich hoffte sehr auf einen Fotoband im Artshop, doch da gab es nichts dazu.

Einen geeigneten Fotoband erwarb ich erst Jahre später.

Der Autor

Und was gab es abseits davon:

Schwule in einem Cafe, die mir von einiger Ferne begeistert irgendetwas zuriefen.
Mensch, was tat mir das gut! Auch im Nachhinein. Ich vergaß das lange Zeit nicht.

Dann war ich auch in Leo Castellis Artgalerie, die schwer zu finden war. Der 88-jährige Castelli war nicht da, aber ich durfte mich umschauen.

Schnelle Inlinefahrer gab es viele. Ich weiß noch, wie ich einem jungen Mann staunend nachschaute, wie er eine leichte Steigung im Bogen in Vehemenz nahm.

Exaltierte gab es einige wenige auf den Strassen. Am besten man kümmerte sich nicht darum.
So etwa ein grell angezogener wild schreiender Mann im Rollstuhl. Dann jemand, der einen Riesen-Gettoblaster auf seinen Schultern trug. Und ein wild gestikulierender Prediger.

Im Central Park hatte ich mal Angst. Auch ganz ganz unten im Süden von Manhattan im Hafengebiet, als es dämmerte. Ich wollte von dort aus zu meinem Hotel hochlaufen, was sich als völlig absurd erwies. Die Distanz war einfach enorm.

An einer Aufzeichnung eines Songs für MTV nahm ich ganz zufällig im Westvillage als Teil der cheering crowd teil. Die Zeit dafür war mir nicht zu schade.

Eine abgerissene Autotür und zwei Taxis, die scheppernd nebeneinander herrasten.

Obwohl ich manchmal Zeit verlor durch erfolglose Sucherei, begegnete mir unheimlich viel. Man fragt sich, was so alles in 5 Tage passen kann… einfach irre viel 🙂


36 thoughts on “Wohnzimmerreise Januar

  1. Ein sehr berührendes Zeitdokument Gerhard…. ich habe alles nun durch deine Augen gesehen, du hast es sehr lebendig geschildert. (Es könnte der Auszug aus einem Roman sein, den ich gerne weiterlesen würde) Danke

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  2. Oh, I have not been to see Almuth’s site in a week and I can see I have missed something important. The bloggers’ room trip sounds like a great idea to share. This post brings back memories of the Metropolitan…the last time I was there was – and I have some photos from the same gallery, which I love, too. It’s wonderful!
    I have to wonder if the lack of normal eyesight since you weren’t wearing your contacts, could have increased the impact. It’s possible, right?
    Then you went to Castelli, which just makes me miss the galleries. I always go to at least a few when I’m in NYC. Your memories of the men in the cafe, the busy streets, the eccentric people, the luck to come across a film being shot or a song being recorded – all of that is the spirit and energy of NY, which I miss. It sounds like you had a fabulous five days.
    Were you referring to the steps in front of the museum? They are a well-known NYC meeting place, or just a place to sit and rest because that museum always exhausts you!
    I’m glad the statue bought back all those memories – I certainly enjoyed them!!!

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    1. Yes, I mean the steps of the Met.
      At that time they showed GOYA, but I think due to my misery I didn’t look Goya, also because of his war scenes.

      The loss of the lens was less of a problem than I initially thought. Focusing was no longer possible after 40 minutes, but otherwise I saw everything well from a distance.

      After 4 days in NY I was very exhausted and took a little nap in Washington Square Park

      The craziest of all was my attempt to walk all the way from the southern tip of Manhattan up to Central Park. And that at 5 p.m.

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      1. That’s interesting about your eyesight – and about Goya. He’s never been a favorite of mine and when you go to a museum that’s so large you have to be selective, otherwise, it all turns to mush in the brain! I laughed when I saw your comment in the post about realizing the distance between downtown and your hotel was much greater than you thought. That is one very long walk, all the way to the park! But you would see the way the city changes and you would see the way one neighborhood transitions into the next neighborhood. Too many visitors never get past midtown but you obviously did.

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        1. “when you go to a museum that’s so large you have to be selective, ”
          I did that in the Louvre in Paris I selected only some artists like Velasquez beforehand. That’s the way you have to do that.

          “But you would see the way the city changes and you would see the way one neighborhood transitions into the next neighborhood. ”

          every big city changes in an instant.
          On my way up to Central Park, I found it very interesting to see how things changed from district to district.
          I think I gave up at 10 p.m. At least 8 miles to go. And you can’t go fast. Eyery second you see something interesting.

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        2. “you would see the way one neighborhood transitions into the next neighborhood. ”
          Nearly every new street can suprise and inspire you.
          I found this area much more interesting than midtown.

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  3. The big america 🙂 Manchmal kann man die Distanzen wirklich nur sehr schwer einschätzen und man kommt sich zwischen den enormen Häuserschluchten oftmals wie eine kleine, neugierige Armeise vor. New York habe ich leider nicht gesehen, bisher. Deine Erzählung ist wie eine gedankliche Sightseengtour! Danke dafür 🙂

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    1. Benebelt war meine Sicht nicht, liebe Ule!

      Ich konnte nur in Museen nicht länger als 45 Minuten fokussieren, aber gesehen habe ich alles.
      Die Kopfschmerzen gingen auch bald zurück.
      Seitdem nehme ich immer eine Ersatzbrille mit auf Reisen – meistens jedenfalls 🙂

      Aber zuerst war mir nach dem Verlust der Kontaktlinse sehr weinerlich zumute.

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        1. Am Siffon des Waschbeckens des Zimmers war eine grössere undichte Stelle, durch den ausgerechnet die Linse beim Säubern vor der 1. Nacht fiel.
          Der Klemper machte am nächsten Morgen das Rohr darunter auf, aber in dem Dreck war sie nicht zu finden, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen weitergespült.

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  4. Das waren wirklich hoch-interessant Eindrücke, die du aus New York 1995 mitgebracht hast, lieber Gerhard. Du hast die Stadt besucht, um die Weltmeisterschaft in deinem geliebten Schachspiel mitzuerleben und hast dich aber dann von der faszinierenden Welt von New York einfangen lassen. So ist es oft im Leben. Man plant oft etwas zu tun and macht dann doch was ganz anderes.

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  5. Ich bin hier gerne mitgereist. Man fühlt sich tatsächlich so, als wäre man mit dir durch New York gestreift, wo ich auch noch nie war aber vielleicht noch mal hinkomme in diesem Leben. Sicher eine faszinierende Stadt. Auch die afrikanische Kunst ist inspirierend. Schön geschrieben.

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    1. Ja, Werner, ich bin wieder eingetaucht in diese Tage. Vieles hatte ich gar nicht erzählt hier, es sollte ja im Rahmen bleiben.
      Wichtig war immer der Kaffee und ham&eggs am Morgen im NY Deli um die Ecke, bevor es losging, oft bis Mitternacht, wo ich mir im Deli dann noch etwas holte.

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  6. Ein interessantes Projekt und schöne detailreiche und vor allem ganz unterschiedliche Erinnerungen, die Du da beschreibst… so lebendig, dass ich das Gefühl hatte, die Szenen vor mir zu sehen…
    Ich war noch niemals in New York. 😉 Liebe Grüße. Birgit

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    1. Ja, NY ist eine Reise wert, Birgit!
      Hoffentlich kann man es wieder irgendwann tun.
      Ich war damals am 4. Tag völlig erschöpft, so viel hatte ich gesehen. Hatte mich am Washington Square auf eine Bank gesetzt und erstmal für 30 Min die Augen zugemacht. 😉

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  7. wie gerne habe ich hier gelesen, ja diese afrikanischen Skulpturen sind aufgeladen, da steck Magie drin, sehr bewusst, nicht in den Figuren, die für Touristen als Verkauf hergestellt werden .Alle besitzen eine Bedeutung. z.B. Schutzfunktion, In anderen Jahrhunderten war Afrika reich an Wildtieren und Geistheiler und Künstler. Interessante Erinnerungen Erinnerungen an N.Y. City, wie du sie erzählst. Davon gibt es auch bei mir eine längere Geschichte.

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  8. Wie schön, in Deinen Erlebnissen mitreisen zu dürfen. Und mein Blick bleibt hier an einer kleinen afrikanischen Skulptur haften und schon reise ich los in meine Erinnerungen… Das wird ein sehr schönes Projekt, glaube ich.

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  9. a) Eine Zimmerreise ist grundsätzlich eine gute Idee. Ich werde das im Auge behalten. b) Mit “aufgeladen” hast Du mir gerade ein gutes Wort geschenkt, mit dem ich jetzt ohne weitschweifig zu werden, begründen kann, warum ich keine afrikanische oder ähnliche Kunst in meiner Wohnung möchte: zu aufgeladen. Das beunruhigt mich. Im Museum schaue ich sie mir aber gerne an. c) Durch New York bin ich immer nur durchgereist, aber das genügt, um zu sagen, dass man nicht Tage braucht, um in dieser Stadt viel zu erleben. Es genügen Stunden. d) Last but not least: Das Foto “Der Autor” ist DER HAMMER!

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    1. Danke, liebe Christa!
      Ich habe manches weggelassen, etwa die attraktiven Frauen, die ich sah oder Farbige, die als Oberteil nur eine Anzugsjacke trugen, das war mir so vorher nicht bekannt.
      Oder das Lokal mit den Buntstiften, da konnte man seine Papier-Tischdecke voll malen, was ich auch tat
      Vielleicht fälllt dem “schicken Autor” noch einiges ein, haha.

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  10. Ein Beispiel dafür, wie die Betrachtung eines Gegenstands im Zimmer zu einem grossen Erinnerungs-Schritt hinaus führen kann, inhaltlich sehr interessant. Weisst du noch etwas über die afrikanische Skulptur? Ich finde sie mit ihren Abschlagungen und Rissen sehr interessant.

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