Sprache und Verstehen

Ab und an leide ich darunter, daß Verständigung, auch unter Vertrauten, so schwer ist.
Transkribiert man einen gehörten Satz, dann kann er oft vieles bedeuten. Was er bedeuten mag, kann man manchmal nur erahnen bzw. eine Auslegung für gegeben halten.

Ein einfaches Beispiel ist mir in Erinnerung. Der Satz: “Ich bin fix und fertig!”.
Es war in diesem Falle gemeint: “Ich bin angezogen und bereit zu gehen.”
Ich verstand: “Ich bin fertig mit den Nerven!”.
Auch wenn der Satz mit Nachdruck, Ungeduld oder Verve vorgebracht wird, kann er beides bedeuten.

Gestern wollte mir eine Bekannte ein Vorkommnis schildern und trotz mehrfachem (geduldigen) Nachfragen verstand ich den Sachverhalt nicht so weit, daß ich mir ein redliches Bild machen konnte.

Abgesehen von groben Missverständnissen kann man aber generell kaum wissen, was genau mit einer Bemerkung gemeint ist! Was schwingt von der Person mit? Welche Erfahrungen und Ideen? Wieso wählt sie gerade diese Formulierung?
Es ist bestenfalls immer zu erahnen. In manchen Fällen schwingt man mit, der Satz räsoniert dann in einem.

Das Sich-hinein-versetzen-können in einen anderen können schon manche Tiere. Man nennt das “Theory of mind”. Schimpansen etwa sind dazu in der Lage, auch Krähen sagt man das zu. Wieso die Evolution es als “next step” für wichtig erachtet hat, daß man sich in ein anderes Individuum hineinversetzen kann, ist schon bemerkenswert und auch zudem erdgeschichtlich eine relativ junge Errungenschaft.

Nichtsdestotrotz bleibt das Sichhineinversetzen trotz aller “Rechenleistung” unseres Gehirns immer ein Konstrukt, eine “Theory” eben.

Ich gehe nicht so weit, daß ich uns Menschen als völlig getrennt voneinander betrachte – dazu ist das alles zu gut gelungen, was die Evolution hervorgebracht hat. Allzuoft gibt es ja den Zauber innigen Verstehens, der unsere fundamentale Getrenntheit und Einsamkeit vergessen macht.

10 thoughts on “Sprache und Verstehen

  1. “Ab und an leide ich darunter, daß Verständigung, auch unter Vertrauten, so schwer ist.” – das geht mir nicht anders. Missverstehen kann so gravierende Folgen haben … und am Schlimmsten finde ich, wenn der Gesprächspartner dann nicht bereit ist, etwas zur Richtigstellung/Klärung beizutragen.

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  2. warum die Evolution es für wichtig erachtet hat, als nächsten Schritt die Fähigkeit “sich hineinzuversetzen in einen anderen” zu entwickeln, ist wahrlich eine interessante Frage. Ich würde sagen, diese Fähigkeit ist extrem nützlich für die Erhaltung der Art. Da sie bisher erst in Ansätzen entwickelt ist, kommt es halt immer noch zu so vielen Missverständnissen, bis hin zum Krieg, in dem die eine Sprachgruppe und Kultur bereit ist, die Angehörigen einer anderen zu vernichten, “weil man sie nicht versteht” und daher für feindlich hält.

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    1. Sich hineinversetzen ist auch wichtig im Tierreich, um die nächsten Schritte des Fressfeindes oder Konkurrenten durchschauen zu können. Täuschungsverhalten von Krähen beim Verstecken von Nahrung sind ein Beispiel.

      Das Verstehen anderer Gruppen ist eine Art Sysiphus-Anstrengung, meine ich. Ich denke an “walk a mile in my shoes”…da das nicht geht, bleibt nur ein Ungefähr .
      Dies nur mal so hinfabuliert. 🙂

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  3. Ich denke da an Spiegelneuronen, die für Emphatie benötigt werden. Aber Emphathie ist auch kein Garant dafür, dass man alles versteht, w i e der andere es meint. Da hilft wirklich nur nachfragen, wenn es einem wichtig ist. Schwierig auch als Text so wie in Blogs. Daher nutze ich oft Emoticons 🙂 Ein schönes Wochenende!

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      1. Trance des Verstehens – gar nicht so schlecht, der Ausdruck. Ich arbeite beim Aufstellen (Satz-Aufstellungen) mit einem Zustand der Leere, um mit dem mitzuschwingen, was ein Wort für den anderen bedeutet. Es gelingt ausgezeichnet. Ich spiegele im Grunde dem Anfragenden zurück, was er irgendwie auch weiß, aber nicht deutlich in sich wahrnehmen kann. Inwieweit die oben erwähnten Spiegelneuronen dabei eine Rolle spielen, weiß ich leider nicht, da fehlen mir die Kenntnisse.

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        1. Das klingt spannend.
          Zu der eigenen Wahrheit vorstossen! Das Frappierende ist manchmal, so meine ich, dass man eine Antwort
          auf etwas Quälendes im Grunde weiß, aber es darf nicht verstanden werden oder es fehlt noch ein letztes Glied.
          Aich das war jetzt vieldeutig 😉

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