Category: Kreatives sonst

Buch: Das geniale Gedächtnis

Die Gehirnforscherin Hannah Monyer und der Philosoph Martin Gessmann
beleuchten im Duett die vielfältigen Funktionen unseres Gedächtnisses.

Von Anfang an wird deutlich gemacht: Unser Gedächtnis ist nicht als ein
blosser Speicher anzusehen, sondern als ein Werkzeug für die Bewältigung
der Zukunft.
Einmal Abgelegtes (Was man darunter zu verstehen hat, wird erklärt) wird bei
jedem Zugriff modifiziert und mit anderen, passenden Inhalten verbunden.

Durch geschickte und raffinierte neue Verfahren ist es möglich, bei
Mäusen ( beim Menschen verbieten sich invasive Verfahren) die
zeitgleiche Speicherung eines körperlich gerade zurückgelegten komplizierten Wegs im Gehirn physisch auszumachen. Die Neuronen, die kleinsten Ereignismelder, die
“feuernd” nacheinander geschaltet sind, symbolisieren in ihrer Kette den
aufzuzeichnenden Weg.
Im Tiefschlaf ( der Maus ) findet man dann im Gehirn die physisch gleiche Kette an zusammengeschalteten Neuronen, was bedeutet, dass die Maus gerade den vorher zurückgelegten Weg memoriert! Da aber der Weg 10x schneller durchlaufen wird und einige Merkmale des Wegs dabei auch entfallen, geht eine Komprimierung des einst Erfahrenen damit einher, also damit das eigentliche Lernen des Wegs ( zum Futter etwa).
Wie die Forscher feststellten, wird dabei nicht nur komprimiert, sondern auch
noch probiert: d.h. die Maus bezieht an Knotenpunkten evtl. mögliche
Verbesserungen mit ein. Dies sind evolutionär vergleichsweise junge
Entwicklungen! Das Extrapolieren möglichen Vorgehens kann als Luxus, als Fortschreiten bei den Arten angesehen werden.
In der REM-Schlafphase des Menschen, die auf den Tiefschlaf folgt, geht
es um grössere Zusammenhänge im Leben als im Tiefschlaf, was REM-typisch in Traumgeschehen durchgespielt wird.
Hier an dieser Stelle tritt der Philosoph u.a. auf den Plan, der erläutert, welche
Vorstellungen und Ideen es zum Traumgeschehen gab und gibt. Denn die
eigenartige Sprache der Träume ist ungeklärt und lässt verschiedene
Interpretationen zu bis hin zum blossen Reliktgeschehen eines
vorzeitlichen Hirnteils.
Die abwechselnde Beschickung des Buches durch den wort-und
bildergewandten Philosoph, der die wissenschaftlichen und
philosophischen Traditionen kennt – und der Hirnforscherin, die mit
vielen anderen gemeinsam sich anschickt, auf technisch geniale Weise das
Hirn physisch zu entschlüsseln , ist für mich persönlich manchmal etwas heterogen.
Ich gebe zu: Ich neige mehr der Wissenschaftlerin zu
als dem Philosoph. Bei anderen Lesern wird es aber sicher umgekehrt
sein!
Ein insgesamt lesenswertes Buch – über ein Feld, auf dem die Entwicklung
ungemein schnell vonstatten geht!