Category: Gesellschaftliches

Luftblasen

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Letzte Woche war ich zum 46. Internationalen Filmwochenende in Würzburg.
Von den sieben Aufführungen, die ich sah, gefiel mir besonders eine Kurzfilmschau und davon ein 14-minütiger Film, dessen Handlung ich gerne etwas  schildere.

Little grey bubbles” von Charles Wahl.

Worum ging es?

Eine junge Frau unterhielt mit einem Mann über zwei Jahre eine Messenger-Beziehung. Nie miteinander telefoniert und auch nicht getroffen. Nur einander Kurznachrichten geschrieben.
Das Texting findet ein jähes Ende: Der Mann schrieb ihr, er hätte eine ganz wichtige Botschaft für sie. Und dann drei Punkte.

Sie findet heraus, daß er gestorben ist und fährt zu seiner Beerdigung.
Dort trifft sie auf die reale Familie und die realen Freunde, die sie wie eine unwirkliche Welt erlebt. Und diese realen Personen erleben sie auch wie eine Art Gespenst, etwas Ungreifbares und reichlich Obskures.

Sie bringt in diese reale Welt Zweifel ein, bringt Sand ins Getriebe: Der Bruder des Toten fragt sich etwa, wieso er mit dem Toten höchstens zweimal im Jahr kurz Kontakt hatte und diese unbekannte Frau dagegen täglich. Die Ehefrau fragt sich, was diese junge Frau von ihr weiß. Manche scheinen auch die ganze Geschichte nicht glauben zu können. Zu verrückt klingt das Ganze, so kennen sie den Toten ja auch nicht. Das alles ist auch völlig fern ihrer realen Welt. Und wie sollen sie sich einer Frau gegenüber verhalten, die der Tote nie getroffen hat?! Einer Fremden gegenüber?

 

Unterwegs auf einem Markt

Auf dem Kanderner Keramikmarkt erwarb ich vor 2 Wochen ein schönes Stück von einem französischen Künstler.

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Es ist von Dominique Friedrich.

Viermal schlich ich um seine Werke aus Keramik und Bronze, bevor ich mich für eines seiner Stücke entschied.

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Ich finde den Kopf mehrdeutig. Der ganze Körper auch besitzt eine Aussage, die man ergründen kann und für die man durchaus verschiedene Ergebnisse finden kann.

Thomas Girst – Alle Zeit der Welt

Als ich unlängst ein bestelltes Buch abholte, suchte ich mir ein zweites in den Beständen der kleinen lokalen Buchhandlung aus. So mache ich es fast immer.

Ich griff mir ein philosophisches Bändchen von Thomas Girst.

In 28 Betrachtungen schildert er den Umgang der Menschen mit Zeit.

Den Anfang macht der Briefträger Cheval, der “10000 Tage, 93000 Stunden, 33 Jahre Anstrengung” in den “Palais idéal” , einen surrealen Palast, , steckteden er in seinem ehemaligen Gemüsegarten errichtet hatte.
Von Menschen, die Zeitkapseln hinterliessen, deren Öffnung zu einem gegebenen Zeitpunkt in der Zukunft stattfinden soll, berichtet er später.

Ewig lange Musikstücke (John Cage) und ewig zäh verlaufende Prozesse wie sich loslösende Pechtropfen aus einer Masse Pech finden ihre Erwähnung im Buch.

Dauer und Vergänglichkeit, das “Aroma der Zeit”, die Ästhetik von Abnutzungsspuren, all diese Qualitäten mäandern durch das Buch.

Die Rede ist auch von Schriftstellern wie Hölderlin, Marcel Proust und Robert Walser, die die letzten Jahre bzw. Jahrzehnte ihres Lebens völlig dem Schreiben widmeten, dabei in absoluter Klausur. Walser mutmasst dabei über die Empfindungen Hölderlins:

Alle Wünsche schlafen ein wie vom Spielen müde gewordene Kinder.

Unentschlüsselte Schriften und Unsagbares findet Platz im Buch, bevor Girst zum Schluß auf Unvollendetes zu sprechen kommt. Dessen Existenz schon in einem Zitat von Maurice Maeterlincks deutlich anklingt:

Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert.
Dieses Buch stellt eine feine, geistige Reise dar. Und lädt ein, das eine oder andere dabei zu vertiefen.
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Und damit konnte ich auch nun preisgeben, über welche Buchseite die sehr eilige Platanen-Netzwanze in einem meiner letzten Beiträge huschte.

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