Category: Etüden

Besuch der Rumpelkammer

Im Jahr 2020 geht es dank Christiane munter mit den Etüden weiter.
Die Wortspende stammt diesmal von Ludwig Zeitler.
Ich beteilige mich gerne an dem Projekt.
Folgende Worte sind zu verwenden:

Rumpelkammer
mutvoll
zehren.

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Wir alle tragen eine Art Rumpelkammer unserer Kindheitsprägungen mit uns rum. Wenn wir mutvoll drangehen, können wir aus dem, was wir mit etwas Beharrlichkeit und Ängsten vorfinden, zehren.

Das sagt man zumindest so, seit es Freud (und Vorgänger) so dargestellt haben.
Was anderes bleibt uns aber auch nicht möglich, denn wie kommen wir sonst an die dunklen Geheimnisse, die uns am hellichten Tag so dreist bestimmen?!

Immer neue Ideen kommen diesbezüglich auf.
Vor mehr als 20 Jahren war es die pränatale Psychologie, die mich damals in den Bann zog.
Wurde man bei der Geburt mit der schon oft thematisierten Umschlingung durch die Nabelschnur gequält, war das Vorwärtsdrängen mit grossen, existentiellen Ängsten verbunden. Insofern war man dann auf Erden später sehr zögerlich, Entscheidungen anzugehen. Vermied sie, weil sie immer grosse Ängste auslösten.
Das ist zumindest eine plausible Erklärung.

Manche Therapeuten verfielen auf die Idee, den Geburtsvorgang des Klienten nachzustellen und ihn diesen als diesmal angstfrei erlebbar zu machen.

In jedem Fall ist es aber so, unabhängig von therapeutischen Ideen, daß wir ohne jegliche Kenntnis unseres Innern es schwer haben, das Leben gut zu meistern.

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Auf der Treppe

Im Jahr 2020 geht es dank Christiane mit den Etüden weiter.

Ich beteilige mich gerne an dem Projekt, nun schon in der 7. Etüden-Ausgabe des Jahres, diesmal in Form einer einer Extraetüde.
Fünf von sechs der folgenden Worte sind in max. 500 Worten zu verwenden:

Sonnenuntergang, warm, fliegen
Forsythien, lächerlich, erfrieren.

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Ich saß am Hafen auf der breiten Treppe.
Um 10 erwartete ich meinen Lehrer. Er kam tatsächlich mit einem anderen Schüler, dem Jürgen, und wollte gemeinsam irgendeinen praktischen Unterrichtsteil durchführen, etwa: “Wie übergibt man seiner Angebeteten Forysthien?”.
Ich hatte echt keine Lust. Es war warm auf den Stufen und was er machen wollte, war lächerlich und doof. Vielleicht wollte er auch ganz was anderes machen, es wirkte einfach langweilig, öde. Interessiert mich keine Bohne.

“Ich seh schon, Du willst nicht!”, meinte er. Und ging straks mit dem Jürgen los, die Stufen runter.

Mir wurde allmählich langweilig auf den Stufen, vielleicht würde ich auch fliegen, weil ich mich immer sträubte. Er war mies gelaunt, als ich nicht gezogen hatte.
Also wackelte ich zu dem Gebäude, wo er mit Jürgen hineingegangen war. Würde ihn schon finden.

Wo ich landete, war aber keine Schule. Ich war in der Moselstrasse und in dem Haus zockten Schachspieler.
Eine Weile schaute ich zu. Dafür sollte noch Zeit bleiben!

“Du hast ja keine Ahnung!” schrie der eine plötzlich. “Jeder Zug ein Wasserzug!”. Der andere lief rot an, schrie: “Du Rindviech!”.
Es wurde schnell lauter und ruppiger. Sie waren nicht zu bändigen.

Nein, da ging ich lieber, wollte ja auch noch zum Lehrer. War eindeutig besser.

Draussen war schon Sonnenuntergang.
Jetzt schon??? Was???
Ich eilte wie verrückt die Strasse entlang, vielleicht konnte ich den Lehrer noch erwischen!
Eine junge Frau wollte auf der anderen Strassenseite einen ebenfalls vorbeigehenden Mann aufhalten.
“Fassen Sie mich nicht an!!” entrüstete der sich.
“He, was glaubst Du denn, du feiner Pinkel” raunzte die junge Frau zurück.
Und schrie ihm noch einiges hinterher.
Was war denn hier los??

Nein, weiter, weiter, weiter!

Aber im Grunde war es zu spät, das war mir dann doch klar.
“Morgen muß ich dem Lehrer alles erklären, das mit der Treppe und dem Schach und dem Gestreite hier!”
Nun ja.

Vielleicht hat er aber auch einfach alles vergessen.
Denke schon. Jedenfalls warte ich dann wieder auf der Treppe.
Um 10.


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Y

Im Jahr 2020 geht es dank Christiane mit den Etüden weiter.

Ich beteilige mich gerne an dem Projekt, nun schon in der 7. Etüden-Ausgabe des Jahres, diesmal in Form einer einer Extraetüde.
Fünf von sechs der folgenden Worte sind in max. 500 Worten zu verwenden:

Sonnenuntergang, warm, fliegen
Forsythien, lächerlich, erfrieren.

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Das Y, wie etwa in Forsythie, sieht wie eine Weggabelung aus.

In Anbetracht der jetzigen Krise stellt sich die Frage, ob die Menschheit nach dieser Krise neue Weichen für das Zusammensein und -wirken stellt oder nicht.

Vielleicht hat sie jetzt schon Vorstellungen, wie man die Zukunft anpacken könnte und auch muß. Muss man etwa, wenn man im Winter nicht mehr “erfrieren” möchte, unbedingt in ein warmes Land reisen ? Ich kenne jemanden, der das mehrmals im Jahr macht, für mich im Grunde lächerlich.

Nicht alles, was man vermag, muss und sollte umgesetzt werden. Für den Kitzel schnell mal nach London zum Shoppen zu fliegen, etwa.

In meiner provinziellen Heimat gab es noch vor 120 Jahren Menschen, die nie ihr Dorf verliesen. Das wurde mir mal so kolportiert und ich denke, es trifft zu. Diese Leute waren arm, auch ungebildet, aber lebten ihr Leben in bescheidenem Umfang und vielleicht nicht unglücklich, abgesehen von den Kriegen, Missernten und Krankheiten, die sie natürlich auch trafen.

Konsum, um wieder darauf zu sprechen zu kommen, ist im Grunde mit körperlicher Lust zu vergleichen. Ich habe mal erlebt, wie eine Touristin so viel kaufte, dass selbst ein weiterer frisch gekaufter Koffer ihre Artikel nicht aufnehmen konnte. Das war geradezu irre, aber entsprach einem unstillbaren Bedürfnis in ihr.

Viel mehr möchte ich nicht zum “Y” und der Frage: “Wie werden wir weiterleben?” schreiben.
Es sollte auch wahrlich kein ausgefeilter Artikel werden, sondern einfach etwas “ins Unreine formuliert” sein.


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Urheberschaft oder Herkunft

Im Jahr 2020 geht es dank Christiane mit den Etüden weiter.
Die Wortspende stammt diesmal von Elke Speidel.
Ich beteilige mich gerne an dem Projekt, nun schon in der 6. Etüden-Ausgabe des Jahres.
Folgende Worte sind zu verwenden:

Forsythien
lächerlich
erfrieren

Ein mittellanger Text:

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Wenn man sich für einen bestimmten Song interessiert, dann kann es interessant sein, dessen Urheberschaft zu verfolgen.
„Killing Me Softly with His Song“ wurde für Roberta Flack zum Welthit, aber folgender Artikel zeigt, daß ihn ursprünglich Lori Liebermann getextet und gesungen hat.
Loris Album wurde damals zum Flop, Roberta Flack machte anschliessend den Song daraus zu einem Megaerfolg.

In der Wissenschaft ist es wohl ähnlich.
Vor etwa 8 Jahren las ich, daß ein deutscher Wissenschaftler, Heinrich Matthaei, der das maßgebliche Experiment zur Entschlüsselung des genetischen Codes durchführte, nicht beim Nobelpreis berücksichtigt wurde. Er muß bei dieser Nachricht regelrecht erfroren sein.

Das was ich in Wikipedia zu den Forsythien fand:

Die Pflanzengattung Forsythia wurde von Martin Vahl zu Ehren von William Forsyth benannt. Forsyth hat den Zierstrauch aus China übrigens selbst nie zu Gesicht bekommen. Er starb fast 40 Jahre bevor Robert Fortune die ersten lebenden Exemplare nach Europa brachte.

Schon irgendwie lächerlich, wenn man einem Strauch den Namen schenkt und nicht davon weiß.


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99 Worte