Aus der Welt gefallen

Kleine Notizbuchzeichnung

Dank Christiane geht es wieder mit den Etüden weiter.
Die Wortspende stammt diesmal von Ludwig Zeidler.
Folgende Worte sind zu verwenden:

Idee
engelhaft
vergraben

*


Ist Redlichkeit aus der Welt gefallen?

Ein Freund von mir gebrauchte dieses Wort “Redlichkeit” jüngst , als er in einem Dreiergespräch Auskunft über seine Urteilskraft geben sollte.
Sofort reagierte ich darauf: Offenbar bedeutet mir Redlichkeit sehr viel.

Ursprünglich, so las ich nach, verstand man unter der Idee der Redlichkeit, wenn Handeln und Reden in der Person eins sind.

Ich selbst fasse Redlichkeit so auf, daß man nicht vorschnell urteilt, stattdessen (immer wieder aufs Neue) abwägt, in seinem Urteil stets offen bleibt und sich Veränderungen in der Erkenntnis nicht verschliesst.
Das ist Arbeit! Und ein fast engelhaftes Bemühen, denn redliches Bemühen schliesst nicht Fehler und Missverstehen aus.

Das mit der Redlichkeit ist wohl ganz tief in mir vergraben.
Um etwas psychologisch zu werden: Ich war als Vorschulkind stolz darauf, ehrlich meiner Mutter gegenüber zu sein. Offenbar wurde in meiner Familie viel Wert darauf gelegt.

Nun ist Ehrlichkeit etwas anderes als Redlichkeit. Aber sie könnte eine der Wurzeln sein.

22 thoughts on “Aus der Welt gefallen

  1. Eine interessante Anregung zur eigenen Betrachtung im Anschluss, und das im Rahmen der Etüden – finde ich sehr gelungen.
    Redlichkeit scheint aus der Mode gekommen zu sein. Bewundert werden einfallsreiche Trickster, die mit Chuzpe vorgehen und für ihren Unterhaltungswert Beifall bekommen.

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    1. Ich schließe mich euch an: Früher wurden die, die sich mit Tricks und Rücksichtslosigkeit durchs Leben schlugen, als charakterlich bedenklich eingestuft. Wobei Erfolg wohl schon immer Bewunderer fand. Heute werden diese Leute Präsident und gelten als Vorbild. Verkehrte Welt.
      Danke dir, lieber Gerhard. 👍
      Nachdenkliche Grüße
      Christiane 😁🍷👍

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      1. Danke Dir auch, Christiane!

        Wie war es früher?
        Ich las vor etwa 2 Jahren ein Buch um das Thema Vertreibung. Der Bürgermeister eines Orts im damaligen Osten versprach einer Mutter, daß er an sie denken werde, einen Platz im Fluchtwagen für sie reserviere, wenn die Russen kämen.
        Nun, er war plötzlich weg, ist abgehauen. Die Mutter bereute es tief, seinem Wort geglaubt zu haben.

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        1. Da mag vieles passiert sein, was wir nicht wissen, lieber Gerhard, solche Darstellungen sind zwangsläufig fast immer einseitig.
          Aber willst du damit sagen, dass es früher schon unredliche Leute in leitenden Positionen gab? Da stimme ich dir zu.

          Liked by 1 person

  2. Hier gibt es ein paar schöne Beispiele füür Unredlichkeit. Vielleicht kennst du es? :

    Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1775)
    Wolfgang Amadeus Mozart (1791)

    Der alte Landmann an seinen Sohn

    Üb’ immer Treu und Redlichkeit,
    Bis an dein kühles Grab;
    Und weiche keinen Fingerbreit
    Von Gottes Wegen ab.

    Dann wirst du, wie auf grünen Aun,
    Durchs Pilgerleben gehn;
    Dann kannst du, sonder Furcht und Graun,
    Dem Tod’ ins Auge sehn.

    Dann wird die Sichel und der Pflug
    In deiner Hand so leicht;
    Dann singest du, beym Waßerkrug,
    Als wär dir Wein gereicht.

    Dem Bösewicht wird alles schwer,
    Er thue was er thu!
    Der Teufel treibt ihn hin und her,
    Und läßt ihm keine Ruh!

    Der schöne Frühling lacht ihm nicht,
    Ihm lacht kein Ährenfeld;
    Er ist auf Lug und Trug erpicht,
    Und wünscht sich nichts als Geld.

    Der Wind im Hayn, das Laub am Baum,
    Sauft ihm Entsezen zu;
    Er findet, nach des Lebens Traum,
    Im Grabe keine Ruh.

    Dann muß er, in der Geisterstund’,
    Aus seinem Grabe gehn;
    Und oft, als schwarzer Kettenhund,
    Vor seiner Hausthür stehn.

    Die Spinnerinnen, die das Rad
    Im Arm, nach Hause gehn,
    Erzittern wie ein Espenblatt,
    Wenn sie ihn liegen sehn.

    Und jede Spinnestube spricht
    Von diesem Abentheur,
    Und wünscht den todten Bösewicht
    Ins tiefste Höllenfeur.

    Der alte Kunz war, bis ans Grab,
    Ein rechter Höllenbrand;
    Er pflügte seinem Nachbar ab,
    Und stahl ihm vieles Land.

    Nun pflügt er, als ein Feuermann,
    Auf seines Nachbars Flur;
    Und mißt das Feld, hinab hinan,
    Mit einer glühnden Schnur.

    Er brennet, wie ein Schober Stroh,
    Dem glühnden Pfluge nach;
    Und pflügt, und brennet lichterloh,
    Bis an den hellen Tag.

    Der Amtmann, der im Weine floß,
    Die Bauren schlug halbkrum,
    Trabt nun, auf einem glühnden Roß,
    In jenem Wald herum.

    Der Pfarrer, der aufs Tanzen schalt,
    Und Filz und Wuchrer war,
    Steht nun, als schwarze Spukgestalt,
    Am nächtlichen Altar.

    Üb’ immer Treu und Redlichkeit,
    Bis an dein kühles Grab,
    Und weiche keinen Fingerbreit
    Von Gottes Wegen ab.

    Dann suchen Enkel deine Gruft,
    Und weinen Thränen drauf,
    Und Sommerblumen, voll von Duft,
    Blühn aus den Thränen auf.

    Liked by 4 people

    1. Ich lernte dieses Gedicht erst vorhin kennen, Gerda!
      Die Christliche Wurzel dessen allerdings behagt mir nicht. Nicht aus Angst vor Strafe sollst Du redlich argumentieren (darum ging es mir), sondern aus dem Wissen heraus, daß echtes Verständnis schwer zu erringen ist.

      Liked by 5 people

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