Robert Sapolsky – Gewalt und Mitgefühl

Robert Sapolsky, Primatenforscher und Neurowissenschaftler,  untersucht in einer großen Anstrengung ( immerhin 869 Seiten mit zusätzlich rund 200 Seiten Basiswissen/Anmerkungen/Register ) all die Faktoren, die zu Agressionsbildung und sozialem Verhalten führen.

Als Wissenschaftler bemüht er sich um klar gesicherte Fakten und kann mit der Nennung einer großen Reihe hervorragender Spezialisten aufwarten, die durch bedeutsame Versuche und Studien Licht ins biologische – und soziale Dunkel brachten und bringen.

Sapolsky ist m.E. Optimist und trotz der wahrhaft horrenden Schwierigkeiten unserer Spezies, gewaltfrei zu leben, wirft er ein waches und zuversichtliches Auge auf die vielen Beispiele von Menschlichkeit und aktivem sozialen Tun – und die Gründe, wann und wieso diese zum Vorschein kommen.

Er glaubt schlußendlich, daß wir besser werden können.

*

Einige detailhafte Anmerkungen zum Buch:

Letztlich sind solche Kategorien wie “Wir  –  Die Anderen” tief biologisch verankert. Er zeigt das sehr schön. (Schon Säuglinge nehmen fremde Ethnien wahr.)
Dennoch gibt es Handlungsspielraum:
Verbindung aufbauen, Schranken Schranken sein lassen. Den anderen erkennen. Mitgefühl, Achtung und Respekt. Oder wie es der Wissenschaftler Sapolsky ausdrückte: “Individuation und Perspektivenübernahme“: Den anderen also als Individuum sehen und eintauchen zu versuchen in sein Denken und Fühlen.
Das ist ein überaus aktives Tun und oft verdammt schwer zu realisieren.

Was mich diesem Buch sehr gewogen macht, ist, daß Sapolsky – immer wieder – naheliegende und falsche Annahmen in der Geschichte der Biologie und Soziologie benennt und ziemlich alles aufführt, was man über den Menschen und das Tierreich (die Säuger) in der Frage der Agression (und Zuwendung) weiß.

Sapolsky geht es in seinem Buch darum, all die Faktoren zu beleuchten, die unser Verhalten prägen. Was sorgt für Mitgefühl und woraus resultiert Gewalt?
Dabei geht er sozusagen vom Nahen zum Fernen, also vom Neuronenflackern im Millisekundenbereich über die Gene bis hin zu prägenden Erfahrungen in der Kindheit. All diese Dinge wirken in einer Art Konzert zusammen.

Bei seinem Zug durch die Einzelareale des Gehirns zu Anfang des Buches streift er auch das Belohnungssystem  des Körpers, das Dopaminsystem und der Habituierung, der Gewöhnung also an die Belohnung, die so in uns angelegt ist.
Auf S.95 konstatiert er dazu:

“Hätten uns Ingenieure konstruiert, würden wir umso weniger verlangen, je mehr wir konsumierten. Doch die Tragödie des Menschen liegt häufig darin, daß sein Hunger umso größer wird, je mehr er verschlingt…Was gestern ein unerwartetes Vergnügen war, empfinden wir heute als unser Recht und morgen als zu wenig”.

Ein paar Seiten weiter spricht er über das allfällige Testosteron, dem man fälschlicherweise Verursachung von Agression zuschreibt. Ganz so einfach verhält es sich nicht mit diesem Hormon:
“Die Auswirkungen des Testosterons sind in hohem Maße kontextabhängig” (S.139).
Es kann bestehende Tendenzen des Individuums verstärken: Angst, Risikobereitschaft oder auch … Wohlgefühl.

Ein weiteres Kernthema ist Stress, der viele negative Auswirkungen hat. U a. sorgt er für eine geringere Glutamatauschüttung im frontalen Kortex, unserem “Entscheider” also. Dauerstress beeinträchtigt zudem Aufmerksamkeit und Entscheidungsfähigkeit. Das Ergebnis sind Entscheidungen, die schnell gewohnheitsmässig getroffen werden und nicht unter Zuhilfenahme ganz neuer Informationen, wie sie im durch den Stress geschwächten Hippocampus zu finden wären.

Auf S.195 stösst Sapolsky das reichlich aktuelle Thema “Adulte Neurogenese” an, also die Bildung neuer Nervenzellen, die man seit jeher für unmöglich hielt. Man weiß dass sich neue Synapsen und Dornen bestehender Nervenzellen bilden können (und müssen), aber die gänzliche Neuschaffung von Nervenzellen hielt man vor 1965, als Joseph Altman auf entspr. Hinweise sties, für undenkbar.
Die folgenden Ausführungen fand ich auch in Kempermann’s Buch beschrieben, das ich schon mal vor Monaten besprochen hatte. Der Kampf gegen die adulte Neurogenese wurde jedenfalls erbittert geführt und erst mit 89 wurde ihr Entdecker, Joseph Altman, entspr. gewürdigt.

Ab S. 205 beschäftigt sich Sapolsky mit der Adoleszenz. Da der frontale Kortex erst mit 25 (!) vollständig ausgereift ist, während zum Zeitpunkt der Adoleszenz die anderen Gehirnteile schon auf Hochbetrieb laufen, ist diese Lebensphase so impulsiv und schwer auszurechnen. Sapolsky meint, daß der Kortex erst deshalb so spät ausgeprägt wird, weil er entwicklungsmässig der Jüngste ist und zudem die Konstruktion seiner Inhalte mehr von Erfahrungen gebildet werden als von Genen.
Naturgemäss ist Adoleszenz eine schwierige Phase.

Ab S. 250 beschäftigt sich Sapolsky mit der Mutterbindung und streift dabei die Versuche von Harry Harlow an der Universität Wisconsin, der soweit ging, Babyaffen in völliger Isolation aufwachsen zu lassen und dann deren Reaktionen in einer sozialen Gruppe anzuschauen. Solche und ähnliche Versuche lieferten einen Hinweis auf folg. Phänomen:
Mitte der 1990er Jahre gingen die Kriminalitätsraten in der USA stark zurück. Laut Sapolsky hat das u.a. damit zu tun, daß 20 Jahre zuvor Abtreibung legalisiert wurde.

“Was ist das Wichtigste, was eine Mutter Ihnen geben kann? Die Gewissheit, dass sie glücklich ist, Sie zu haben.”

Sapolsky räumt auf seinem Weg durch die Erkenntnisse der Biologie mit so manchem Irrtum auf: So schreibt er auf S.306/307 über Transposonen, d.h. über zufällige Durchmischung der DNA, die es ja eigentlich nicht geben dürfte. Da geerbte DNA so bleiben sollte wie sie ist.
Mc Clintock, eine Forscherin, entdeckte das Phänomen in den 40ern. Jetzt weiß man, daß Pflanzen, die unter Trockenheit leiden, in bestimmten Zellen ihre DNA-Karten neu mischen, um evtl. ein Protein erzeugen zu können, das ihnen genau in dieserSituation hilft.

Gene und Umwelt.

Es ist nicht möglich, die Wirkung eines Gens isoliert von der Umwelt zu betrachten. Sapolsky zeigt Beispiele auf, in der es “wilde” Abweichungen in der Betrachtung der Wirkungen eines Gens gab, je nachdem in welchem Labor es getestet wurde – obwohl die Laboratorien und die Versuchstiere peinlich genau vorbereitet wurden.

” Es ist nicht sinnvoll zu fragen, was ein Gen tut, sondern nur, was es in einer bestimmten Umwelt tut.”

Noch ein wichtiger Punkt:

“Gene sind nahezu ohne Bedeutung für die kognitive Entwicklung, wenn sie in schrecklicher Armut aufwachsen – die negativen Effekte der Armut übertrumpfen die Genetik”.

Sehr betrüblich wirkt der Überblick über die sogenannte Kanditatengenanalyse: Hunderttausende Genome, also Menschen, wurden untersucht, um Aufschluß über die maßgeblichen Gene, die die Körpergrösse, den Bildungsstand oder den BMI mitbestimmen, zu erhalten: Ziemlich vergebens. Was sie zeigen: Ein einzelnes Gen für sich allein hat verschwindend geringe Auswirkung am Verhalten eines Menschen.
Die meisten Gene spielen in ganz unterschiedlichen Sachverhalten eine Rolle, daher muß man immer den Kontext untersuchen. Innen und aussen, Gene und Umwelt spielen zusammen.

Und nun ein Sprung auf die letzten Seiten:

S. 708: Es geht um das Phänomen der Wohltätigkeit. Sapolsky zählt alle möglichen Nutzformen von Wohltätigkeit auf, die bekannt sind. Biologen schauen natürlich auf den Eigennutz, da ja jedes Individuum bestrebt ist, sich oder seine Gruppe zu begünstigen.
In diesem Zusammenhang erwähnt er Modses Maimonides, der Wohltätigkeit als besonders rein wertete,
wenn sowohl der Gebende als auch der Empfangende anonym sind.

Sapolsky ist ein sehr liberaler Denker. Er vertritt  an diverser Stelle im Buch die Ansicht, man müsste das Strafrecht überarbeiten. Und diskutiert dazu einige prominente Fälle, in denen die Justiz strafmildernde Umstände berücksichtigt hat und dann wiederum nicht.

Das berühmte Libet- Experiment:
Gibt es einen freien Willen?
Sapolsky geht wenig auf dieses Experiment und die nachfolgende, aus seiner Sicht fast hysterisch zu nennende Diskussion ein. Es wurde enorm viel in Folge dazu geforscht und gegengeforscht. Etwas Abschliessendes dazu ist kaum zu sagen. Sapolsky hält ausserdem diese Frage für etwas müßig.

Robert Sapolskys Mission, die er im letzten Kapitel, ab Seite 789, ausbreitet, ist zu zeigen, daß unsere schlimmsten Verhaltensweisen allmählich zurückgehen und unsere besten auf dem Vormarsch sind, trotz aller biologischen Determiniertheit. Und er will zeigen, was zu tun ist, um diese beiden Ströme zu unterstützen.

Versöhnung:
Was ist dazu nötig, wie kann sie funktionieren? Er diskutiert das recht breit. Geht auf eine Organisation ein, “TRC”, “Wahrheits- und Versöhnungskomission, um nach einem großen Konflikt zweier Partien oder Länder dafür zu sorgen, daß es weiter gehen kann.

Wie eine friedfertigere Kultur entstehen kann, erfuhr er eindrücklich anhand der Paviane, die er studierte. Durch einen Zufall starben die agressivsten Tiere der Gruppe, weil sie sich an vergiftetes Essen vorgewagt hatten. Andere gewöhnlich-agressive Paviane stiessen auffüllend zu der Gruppe hinzu, in der wie gesagt, nun  weniger Agression herrschte wie üblich.
Es fand kulturelles Lernen statt. Die neuen Paviane übernahmen den niedrigeren Agressionsstand.

“Wenn Paviane unerwarteterweise so viel soziale Wandlungsfähigkeit an den Tag legen können, dann können wir das auch”.

Sapolsky nennt dann einige singuläre Personen der Zeitgeschichte, eigentlich ganz normale Menschen, die zu einem Akt der Versöhnung nach einem Desaster in der Lage waren.

Sein Lieblingsbeispiel ist der Geistliche John Newton, geb. 1725. Monetärer Nutzniesser von Sklaverei einige Jahrzehnte lang und recht spät dann allmählich Anprangerer dieser. Newton erlebte zu seinen Lebzeiten die Abschaffung der Sklaverei.

Dann Fraternisierung (Verbrüderung feindlicher Gruppen), eine nicht seltene Praxis an der Front im 1. Weltkrieg.

Sein Fazit:

Alles, was erforscht wird, betrifft den Durchschnitt. Es gibt immer Ausnahmen von der Regel.. Es wird also immer Individuen geben, die anders denken, handeln und fühlen und die diese ihre Sicht und dieses Handeln einbringen können.

Viele unserer besten Manifestationen…sind nicht einfach ein Produkt der menschlichen Zivilisation, sondern haben weit tiefere und ältere Wurzeln.

5 thoughts on “Robert Sapolsky – Gewalt und Mitgefühl

    1. Danke Dir!
      Mir fällt auf, daß ich nicht berichtet hatte, daß es im Buch auch eine sehr breite Diskussion gab, ob die Menschheit laut Pinker von der Gewalt her auf dem Wege der Besserung ist.
      Pinker glaubt ja, daß bei den Naturvölkern mehr Gruppen-Gewalt im Spiel war – und daraufhin wurde viel geforscht und verglichen – aber es gibt keine eindeutigen Befunde dazu.

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    1. Das Buch ist überreich an Funden aus Studien und Tests. Von daher schon ein Bringer!
      Ich brauchte 4 Wochen dazu, vielleicht schaffst Du es schneller. Dazwischen war aber noch eine Woche Urlaub, sodaß 5 Wochen verstrichen sind.

      Ich habe meine Rezension sogar noch mehrmals gekürzt, der Lesbarkeit willen.

      Danke für Deine Anmerkungen!

      Liked by 1 person

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