Dehaene: “Denken”

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Stanilas Dehaenes Buch über das Denken kam schon 2014 raus.
Ich hatte es mir gekauft, nachdem ich mir das Vorgängerwerk über das Lesen gekauft und mit Gewinn 2015 gelesen hatte. Erst jetzt las ich “Denken”.

Ich wage jetzt mal eine schnelle Rezension, flott heruntergeschrieben und ohne Auszüge.

Dehaene gemäss fängt Bewusstsein an, wenn der sogenannte “globale Arbeitsbereich des Gehirns” zu feuern beginnt. Vorher, bei nur lokaler Erregung der mit dem Sehzentrum verbundenen Arealen, können festgestellte Inhalte wirken, aber nur unterschwellig und kurzfristig.

Wenn der globale Arbeitsbereich involviert wird und das bei genügend langem (300 ms)Input, werden Informationen in diesem Bereich hin- und zurückgeleitet, es wird gerechnet, mit anderem Material abgeglichen. Diese immense, vollumfängliche Arbeit sei Zeichen eines Bewusstseins.
Der globale Arbeitsbereich sei aber auch per se aktiv, auch ohne sensorischen Input. Etwa unsere grüblerischen Gedanken rühren letztlich von elektrischen Fluktuationen  her.

Erst ganz zum Schluß dieses für mich persönlich etwas mühsamen Buchs, auf den letzten dreissig Seiten, kommt Dehaene auf das Phänomen “Nachdenken über sich selbst und die eigenen Gedanken”, also das Star-Phänomen der Bewusstseinsforschung.
Hier outet sich Dehaene als Materialist. Er glaubt, daß dieses Phänomen nichts Besonderes sei und letztlich auch zukünftiger Software zustehen werden wird.
Das Phänomen “Qualia” ortet er als eine Art Täuschung. Wenn die Wissenschaft fortschreite, werde dieser Knackpunkt sich von sich auf auflösen.

*

Ich habe in diesem Buch wieder sehr viel über Gehirnvorgänge gelernt. Auch über trickreichste Versuchsanordnungen, um Bewusstsein dingfest machen zu können und nicht einer Täuschung oder Fehlinterpretation zu unterliegen. Dennoch lässt mich das Schlusskapitel etwas ratlos zurück.
Dehaene bleibt weiter in meinem Fokus, zu gut war das Buch übers “Lesen”.

 

 

 

7 thoughts on “Dehaene: “Denken”

  1. Das klingt sehr materialistisch. Dieses Buch wäre wohl nichts für mich. Kürzlich habe ich ein sehr bewegendes Buch vom Hirnforscher Adrian Owen gelesen (“Zwischenwelten”), der das Bewusstsein von Wachkoma-Patienten und Menschen mit Hirnverletzungen erforscht, mit Menschen, die nach außen keinerlei Regungen zeigen. Er wollte wissen, ob diese Menschen noch erreichbar und sich ihrer Lage bewusst sind. Er untersuchte deren Hirntätigkeit und hat in den letzten Jahrzehnten sogar Wege gefunden, mit manchen von ihnen zu kommunizieren. Viele Faktoren wie Schmerzempfinden, Gesichtserkennung, Sprachwahrnehmung gehören dazu, aber wann setzt sich das alles zu einem Bewusstsein zusammen? Hier wird deutlich, wie kompliziert die Definition eines Bewusstsein ist. Ein wirklich spannendes Buch, das auch ethische Fragen berührt.

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    1. Dehaene hat solche Menschen auch untersucht und Wege gefunden, festzustellen, ob noch Bewusstsein vorhanden war. Das ist ein relativ großes Kapitel. Insofern bememerkenswert, weil seine Methoden direkt aus seiner Theorie fliessen. Er hat sogenannte “Signaturen des Bewusstseins” herausgearbeitet.

      Die ethischen Fragen, die Du ansprichst, wurden im Buch auch recht klar. Ich fragte mich persönlich, was es bedeutet, wenn ein Mensch, der minimal bewusst ist, hochgehoben werden kann zu einem Zustand, in dem er zwar “locked in” ist, aber mit seinen Angehörigen kommunizieren kann, aber nicht direkt: Man stellt ihm eine Frage (Ja, Nein) und nur die Gehirnströme geben eine Antwort. Da solche Apparaturen sehr teuer sind, ist es denn statthaft, einen Menschen nur punktuell (oder einmalig) die Chance aufs “Kommunizieren” zu geben?
      Danke jedenfalls für die Empfehlung.
      Ich möchte am Thema Bewusstsein dranbleiben, aber es locken auch andere Sachthemen. Zurecht.

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  2. Nach dem, was du hier zusammenfasst, lieber Gerhard, scheint dies Buch für mich untauglich zu sein. Warum? Weil mich Bewusstseinsbildung und Selbst-Bewusstsein als geistiger Prozess interessieren. Hirntätigkeit ist für mich nur die materielle Basis. Aber niemals die Ursache dafür. Genauso wenig wie du das Blühen eines Rosenstrauches aus biochemischen Prozessen erklären kannst. Die laufen zwar ab, und ohne sie würde dieRose auch nicht blühen, aber sie erklären es nicht. Was Leben und sein je spezifischer wunderbarer Ausdruck (darunter auch der Bewusstseinsprozess) ist, wurde überhaupt noch nicht naturwissenschaftlich begriffen und lässt sich auch nicht experimentell begreifen.

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    1. Da stimme ich mit bei.
      Dehaenas Untersuchungen und Ansatz deckt sehr vieles auf, was eine technische Grundlage im Gehirn hat. Wieso werden wir etwa getäuscht, was genau ist nötig, damit bestimmte Prozesse laufen können. In der Tat läuft vieles wie bei einem Roboter ab.
      Aber das Kernproblem, der Geist, das Sichselbstanschauenkönnen, handelt er ganz zum Schluß ab, weil es offenbar nur eine Verlängerung des vorher Betrachteten zu sein scheint.

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  3. @k&g: Glaubt Dehaene wirklich, “Ich” sei nur eine Adresse von vielen? Dann leugnet er ja das Phänomen des Selbstbezugs, was ich nicht so recht glauben kann. fMRI hin oder her, das Phänomen des Selbstbewusstseins ist dadurch nicht einmal berührt.

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  4. @k&g: Danke für diese Kurz-Rezension. – Ich denke, Dehaene liegt falsch, was die Fähigkeit von Maschinen zur Selbstbeobachtung betrifft. Solange Maschinen keine Personen mit Ich-Bewusstsein sind, werden sie auch nicht “über sich selbst und die eigenen Gedanken nachdenken” können. Und da nicht einmal ansatzweise klar ist, wie Ich-Bewusstsein technisch simulierbar sein könnte, wird es auch bis auf Weiteres keine Roboter geben, die einen Begriff von sich haben, d.h. die “Ich” sagen oder bsp.weise lügen könnten.

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    1. Ich-Bewusstsein, so verstand ich ihn, sei nichts anders als Nachdenken über Inhalte, die mit “Ich” im globalen Arbeitsspeicher etikettiert sind. Ein Ich-Gefühl sei dabei ja nicht notwendig.
      Etwas rätselhaft das Versprechen des Buchs zu Anfang, das Problem des Bewusstsein wäre geknackt.
      Man könne ja jetzt schon in Einzelfällen orten, was der Patient in etwa denkt, womit er sich gerade beschäftigt.

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