Schlechte und gute Musik/ bad and good music

English below

Unlängst half ich einem Freund beim Umzug.
Nach der Aktion erwähnte ein mit ihm befreundeter Musikproduzent, daß er jüngst ein Klavierkonzert besucht hätte, bei der der Vortragende ganz einfache Griffe minutenlang vortrug. Das Publikum hätte danach Beifall geklatscht – er selbst fand es eher dürftig und verstehe nicht, daß man da nicht differenziere.

Obwohl ich mich als sehr erfahren im Musikhören bezeichnen würde, schon sehr vieles auch im experimentellen Sektor gehört habe und eine “ordentliche” Sammlung von Tonträgern mein eigen nenne(n muß), “verweigerte” ich zuletzt gerne ein abschliessendes negatives Urteil zu etwas Gehörtem.
Ich maße mir trotz meiner quantitativ hohen Erfahrung einfach manchmal kein Urteil an.  Zumal ich, etwa bei meiner Frau, merke, daß andere oft ein sehr feines Gespür für Qualität haben. Und auch explizit benennen können, was gut und zweckdienlich war, etwa die Abstimmung der Instrumente oder das Fehlen dieser. Wo es bei mir oft auch mangelt. Ich sehe manche Aspekte nicht.

Hier, am Biertisch, hielt ich dagegen. Musik ist etwas Difficiles, es gibt m. E. wenig bindende Kriterien. Ganz zu schweigen, wie Musik im Ohr und Gehirn des Einzelnen ankommt, also auch wie Muster neuronal empfunden werden. Hörhistorie und persönliche Historie im allgemeinen tragen auch zur Gemengelage bei. Und Bilder. Bilder.

Eine gewisse Demut in Sachen Musik möchte ich pflegen. Ab und an zumindest. Urteile kann man ja manchmal nicht sein lassen.

*

Recently I helped a friend move.
After the action, a befriended music producer mentioned that he had recently attended a piano concert in which the presenter performed very simple gestures for several minutes. The audience would have applauded after that – he found it rather meager and does not understand that one does not differentiate there.
Although I am very experienced in listening to music, have heard a great deal also in the experimental sector and own a “decent” collection of phonograms, I finally refuse a final negative judgment on something listened to.
Sometimes, despite my high level of experience, I do not judge myself. Especially since I notice, for example with my wife, that others often have a very good sense of quality. And also are able to name explicitly what was good and useful, such as the coordination of the instruments or the absence of this.
Here, at the beer table, I interfered. Music is difficult sometimes, there are m. E. little binding criteria. Not to mention how music arrives in the ear and brain of the individual, ie how patterns are perceived neurally. Listening history and personal history in general also contribute to the mixed situation.

I would like to keep a certain humility in music.

15 thoughts on “Schlechte und gute Musik/ bad and good music

  1. @k&g: Danke für diese Selbstbeobachtung ästhetischen Empfindens. Machen ja die Wenigsten. Das Urteil des Musikproduzenten erinnert mich an die Standard-Reaktion des kunstmusikalischen Establishments auf die *Minimal music* in den 1960er-Jahren, oder auch – in der Bildenden Kunst – die *Pop art*. Es gibt halt immer Leute, die Kompliziertheit mit Komplexität verwechseln und/oder letztere mit Qualität gleichsetzen.

    Ein formal komplexes Werk kann ästhetisch uninteressant bzw. langweilig sein, hat man die Machart erst einmal durchschaut. Vielen Leuten ist es aber von vornherein zu anstrengend, die Machart zu durchschauen, also werden sie ungeduldig und sagen dann sicherheitshalber “brillant!” oder gleich “Meisterwerk!”. Gerade in der Kunstmusik oft erlebt: “Ich weiß nicht, wie das gemacht wurde – also muss es doch irgendwie genial sein!” Kompletter Blödsinn, der Folge eines Eingeschüchtertseins durch das handwerkliche Können der Komponistin ist. Die Leute vergessen darüber die schlichteste aber wichtigste aller ästhetischen Fragen: Wie hat es mir gefallen?

    In der Bildenden Kunst geht das nicht so leicht, da mehr Menschen glauben, malen oder zeichnen zu “können”, während Komponieren weiterhin weitgehend als Geheimlehre gilt (zu Unrecht!). Das ist aber auch schon der ganze Unterschied.

    **Ich denke, du hast sehr wohl ein hoch entwickeltes Qualitätsbewusstsein, das sehe ich an deinen Fotoarbeiten**. Da mangelt es an gar nichts. Und gelegentliche Aspektblindheit gehört einfach zur *conditio humana*, da beisst die Maus kein Faden ab.

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    1. In bestimmten Bereichen habe ich (mir) sicher ein gutes “Qualitätsbewusstsein” (erworben). Im Schach bestimmt, in Sachen bildender Kunst sicher auch, dann geht es wohl Abstufungen hinunter, je nachdem, worum es sich jeweils handelt.
      Da ich eine Rotgrünschwäche habe, sehe ich die manchmal explosivfarbigen Gemische von Laub oder Erden (wie in Fuerteventura) nicht so deutlich – mir springt da gleichsam nichts ins Auge.

      Ich empfinde große Genugtuung, vieles in der Musik zu kennen, das ist schon mal viel, aber vermeide eben gerne Streit oder längere Erörtungen hier.

      Danke für Deine Einlassung!

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  2. Über Musik masse ich mir auch kein Urteil an. Zu wenig habe ich mich bisher damit auseinandergesetzt. Und zu viele Stilrichtungen und Strömungen gibt es.
    Was ich gerne hören mag, und was weniger, weiss ich dafür ganz gut.
    Lieben Gruss,
    Brigitte

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  3. Vielleicht widerfährt einem, der beruflich mit dem Beurteilen von etwas befasst ist, um das dann vervielfältigt für ein Publikum zu veröffentlichen, mit der Zeit das Gefühl, ganz allgemein eine berechtigte Instanz dafür zu sein, darüber zu befinden, und ein Bedürfnis, dies bei jeder Gelegenheit zu tun. Ansonsten würde ein “Gibt mir nichts” oder “Hat mir nicht gefallen” ja auch genügen.

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    1. Das mit der Instanz mag durchaus so sein, Heide!
      Selbst in den Wissenschaften, etwa den Neurowissenschaften, sind die Meinungen meist konträr.
      In der Musik findest Du auch höchst selten eine Gruppe von Leuten, die ein Konzert ganz ähnlich beurteilen.

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